Jan 06 2012

Wulff und kein Ende

Kategorie: Allgemein, Medien, Zeitungadmin @ 20:45

Bravo Stefan Gärtner, der im “European” schreibt:

“Im unendlichen Gezeter um einen Präsidenten, der beim Poussieren mit den Schönen und Reichen die Übersicht verloren hat, hält sich eine Skandalmaschine selbst am Laufen. Ein „Waterloo“ fürs öffentlich-rechtliche Fernsehen erkannten selbst die gemeinhin zurückhaltenden „FAZ“-Beauftragten Hanfeld und Löwenstein, nachdem die Vorsitzenden der Berliner Studios von ARD und ZDF es im Fernsehinterview mit Wulff versäumt hatten, den Delinquenten zu ohrfeigen und mit heißem Pech zu übergießen, und minutiös rekonstruierten die Frankfurter Allgemeinen Journalisten ein Fernsehgespräch, von dem ja bloß die allernaivsten Esel hatten erwarten dürfen, es werde anders laufen, als es gelaufen ist. Die viel grundsätzlichere Frage, warum ein Bundespräsident, der was mitzuteilen hat, bloß zu pfeifen braucht, und der Funk, der darauf besteht, kein Staatsfunk zu sein, springt, wurde immerhin gestreift.”

Auf viereinhalb kompletten Zeitungsseiten lutscht heute meine Lokalzeitung das Thema aus. Keine Frage, dass es ein Thema ist. Aber es ist doch alles dazu gesagt, und die Botschaft, dass wir aus Staatsräson mit einem Präsidenten mickrigsten Formats leben müssen, ist angekommen. Und so viele politische Sachthemen würden unsere Aufmeksamkeit fordern, die seit Tagen durchs Raster fallen. Ich finde es richtig, den Spieß jetzt einmal umzudrehen, und zu fragen, warum die geschätzten Kollegen so ausdauerndes Vergnügen an der Skandalisierung des politischen Personals haben. Die französische Presse beispielsweise verfolg dieses Getöse nur mit Kopfschütteln, ist man doch von den eigenen politischen Akteuren ganz andere Dimensionen von Verfehlungen gewohnt.

Nochmals: Die Medien haben im Fall Wulff getan, was ihre Aufgabe ist. Aber sie haben dafür viel andere Arbeit liegengelassen. Und nicht nur in diesem Falle.

Ich wünschte mir, dass sich die Rechercheure und Edelfedern dieses Landes in ähnlicher Akribie der Aufgabe widmeten, am Thema Euro dranzubleiben. Oder zu analysieren, welche Kräfte und Mechanismen ein vernünftiges System der Pflege verhindern. Warum es ein Skandal ist, dass immer weniger Menschen von ihrer Arbeit vernünftig leben können und wer davon profitiert. Oder den Menschen verständlich zu machen, was in unserer unmittelbaren Nachbarschaft in Ungarn vorgeht und warum es uns angeht.

Das aber sind Themen, die des Schweißes der Promi-Journalisten nicht wert sind, da müssen dürre Agenturtexte reichen. Denn sich tief in solche Sachthemen hineinzubegeben, macht Arbeit, richtige Mühe. Die unbeholfenen Worte eines Bundespräsidenten, der sich immer tiefer in die Scheiße hineinredet, genüsslich tagelang hin und herzudrehen ist ja viel bequemer. (Michael Bechtel)


Jan 30 2011

Forum Lokaljournalismus 2011: Ratlosigkeit auf dem Höhepunkt

Kategorie: Allgemein, Medien, Zeitungadmin @ 10:52

Wohin geht die Reise für die lokalen Printmedien? Alljährlich um diese Zeit machen sich die Blattmacher auf einer großen Tagung Gedanken über die eigene Zukunft. 2011 ist die Entwicklungsrichtung unklarer denn je. Sven Gösmann, Chefredakteur der Rheinische Post, sprach manchem aus der Seele: Er habe genug von Zeitungskongressen, in denen es hauptsächlich um Facebook und Twitter gehe.

[28. Januar] 2010 war die Kunde von der Präsentation des iPad mitten in diese vom Projektteam Lokaljournalismus organisierte Tagung eingeschlagen. Jetzt in Waiblingen, nur ein Jahr später, war die Zuversicht schon wieder begraben. Da gab es keine große Diskussion mehr: Zahlende Online-Kunden zählen bei den meisten Zeitungen gerade mal nach Hunderten – weniger zumeist, als die Printauflagen verlieren. Die Apps in ihrer heutigen Form werden nicht die Lösung bringen für das Problem, mit Zeitungsinhalten im Netz Geld zu verdienen. Wenn es eine solche Lösung denn überhaupt gibt. Die Ratlosigkeit hat ihren Höhepunkt erreicht.

Man fühlt sich sich hin und hergerissen zwischen dem eigenen publizistischen Anspruch, der vom Veranstalter, der Bundeszentrale für politische Bildung, beschworenen Verantwortung für die Demokratie, und einem Vermarktungssdenken, wie es Bart Brouwers, Chefredakteur Lokaal Online, aus den Niederlanden propagierte: Bevor man hyperlokale Informationen im Netz anbietet, muss das Geschäftsmodell klar sein. Und da kennt er wenig Bedenken – auch Formate, die die Trennung von Werbung und Anzeige aufheben, bezahlte Texte, die für den Leser nicht als solche erkennbar sind, sollen Geld hereinbringen. Auch wenn sie in der Praxis täglich alle ihre Kompromisse machen mit den den ungeliebten Kollektiven, den reaktionen Zugaben für Anzeigenkunden und den PR-Anliegen der Pressemitteilungen – so weit möchte denn doch kaum einer gehen.

Wieder stärker um das Printprodukt kümmern”

Nach wie vor wird experimentiert. Da werden Redaktionsstrukturen auf den Kopf gestellt, arbeiten schrumpfende oder doch stagnierende Redaktionsteams immer mehr, um die die Online-Schiene zu bedienen, um Themen crossmedia umzusetzen, um Social Media auszuprobieren. Von Aufbruchstimmung aber ist nicht zu spüren, eher von von Resignation. So mehren sich die Appelle, sich wieder stärker um das Printprodukt kümmern. Man müsse sich wieder mehr um journalistisches Handwerk kümmern, sich auf bewährte Werte besinnen, Geschichten erzählen, auf den Lesernutzen achten. „Zehn Jahre wird unser Geschäftsmodell schon noch tragen”, ein bezeichnender Satz. Den meisten der versammelten Chefredakteure und Funktionsträger der Lokalzeitungen reicht das. Deutsche Zeitungsredaktionen sind überaltert, Grauköpfe haben das Sagen in den Chefetagen.

Nicht dass der Wille zur Innovation generell fehlte. Wer etwa Hans-Jörg Zürn, Verlagsleiter und Chefredakteur der Sindelfinger/Böblinger Zeitung, über die mehr als Tausende Facebookfans des Blattes und ihren Nutzen schwärmen hört, vergisst seine grauen Haare. Bezogen auf die Reichweite hat kein anderes deutschen Printmedium mehr Erfolg, locker hat man Spiegel und Bild abgehängt. Die Fans sind großenteils jung und keine Abonnenten. Ganz nebenbei bedient die 12-Mann-Redaktion den Online-Aufritt und die Sozialen Medien – eine Online-Redaktion gibt es nicht. 100.000 Euro glaubt Zürn im laufenden Jahr im Netz zusätzlich erlösen zu können. Ob solche Aktivitäten die Auflage sichern helfen – man weiß es nicht.

So ist das auch beispielsweise bei der in Koblenz ansässigen Rhein-Zeitung, die inzwischen crossmedial so gut unterwegs ist, dass ihre aktuellen Videoberichts den SWR manchmal alt aussehen lassen. Die Redaktion und die beiden Chefredakteure twittern und posten auf Facebook, was das Zeug hält, und was in der Social-Media-Welt regional von Interesse ist, findet sich auch im Blatt wieder. Der Ruf der Rhein-Zeitung als Experimentallabor des deutschen Lokaljournalismus ist hervorragend, wie sich die Abonnentenzahlen entwickeln, wird man sehen müssen.

In den Redaktionen gibt es durchaus Bereitschaft, neue Wege auszuprobieren. Für ein systematisches Innovationmanagent allerdings, wie es Gäste aus der Wissenschaft einforderten, fehlen Geld, Energie und oft auch Einsicht. Junge Journalisten, die wirklich im Netz leben – die traf man in Waiblingen kaum. Die neue Konkurrenz aus dem Netz erst recht nicht, die langsam auch in der Region und im Lokalen Segment für Segment aus dem Markt der örtlichen Zeitungen herausschneidet. Da lässt man sich lieber per Powerpoint präsentieren, wie sich die lokalen Märkte in USA und Großbritannien entwickeln, und schaudert bei dem Gedanken, dass AOL oder sonst jemand auch in jede größere Stadt einen Redakteur installieren könnte, der zum lokalen Geschehen bloggt.

Kein Monopolgeschäft mehr

Der schmerzliche Einsicht: Das traditionelle Kerngeschäft lokaler und regionaler Nachrichten ist eben kein Monopolgeschäft mehr, es trägt alleine, journalistische Qualität hin oder her, auf Dauer nicht mehr. Die Konsequenz liegt in der von der Beraterin Katja Riefler vorgetragenen Forderung, in der Weiterentwicklung der Apps das einheitliche Produkt „Zeitung” zielgruppendifferenziert aufzufächern. Die Verlagsberaterin von RiSolutions warnte ausdrücklich davor, komplette Zeitungsinhalte als App verkaufen zu wollen. Gute und damit erfolgreiche Anwendungen für Handy und Tablet PC müssten einfach und zielgruppenorientiert sein. “Eine junge Mutter erreiche ich mit anderen Inhalten als einen Geschäftsmann.” Und es sei sinnvoll, sich aktiv in bestehende Angebote einzuklinken, die regionale Informationen bündeln, über Facebook und Twitter mit denen eigenen Kunden zu kommunizieren.

Die Genzen des Mediums hinter sich lassen, diese Konsequenz mögen wohl die meisten nicht ziehen. Die kurzzeitige Begeisterung der Zeitungsmacher über die Apps, so schreib es Lorenz Lorenz-Mayer von der Fachhochschule Darmstadt den Zeitungsmachern ins Stammbuch, sei nichts als die Freude darüber gewesen, damit innerhalb der Grenzen des vertrauten Produkts verbleiben zu können – mit einem konfektionierten Strauß an Inhalten, mit festen Redaktionsschlusszeiten und allem, was dazu gehört. Genau das aber findet in der neuen Medienwelt unserer Tage immer weniger zahlende Kundschaft. Das begriff der eine oder andere vielleicht zum ersten Mal beim Vortrag des Psychologen Jens Lönnecker von Medienforschungsinstitut Rheingold. Die Menschen haben sich verändert. Die schematisierten Tagesabläufe und berechenbaren Verhaltensweisen früherer Jahrzehnte, in denen die lokale Zeitung ihren Stellenwert hatte, gibt es nicht mehr.

Die Menschen gestalten ihr Leben viel freier, sie nutzen Gestaltungsfreiräume in vielfältiger Weise. Ein wesentliches Merkmal dieser Situation, so Lönnecker, sei eine permanente Selbstüberforderung. In ihrem Tagesablauf nehmen sich viele Menschen weit mehr vor, als sie bewältigen können. Die Zeitung passt nicht mehr so recht in in diese Tagesplanungen. Zu viel anderes fordert Aufmerksamkeit, kabbert am Zeitbudget. Wer Information braucht, holt sich sich heute sehr viel gezielter von einschlägigen Newsaggregatoren. Und was den Lokalzeitungsmachern besonders zu denken geben muss: Was ist für heutige Menschen noch Heimat? Zu junge zumal, die mobil sind und in Facebook zuhause, die „Freunde” auf der ganzen Welt haben? Für sie ist der lokale Raum nicht mehr gar so wichtig, muss der Heimatbegriff anders gefasst werden. Doch was heißt das praktisch?

Grenzen des Mediums hinter sich lassen

Es verlangt zum einen, dass die Journalisten sich im direkten Gespräch, im Dialog mit ihren Leser für die Themen öffnen, die diesen gerade unter den Nägeln brennen – ob diese im Verbreitungsgebiet spielen oder nicht. Und je mehr Nachrichten alle Medienkanäle fluten, desto wichtiger wird eine Instanz, die in der Lage ist, Hintergründe zu erklären, Zusammenhänge aufzuzeigen, auch begründet Positionen zu beziehen. Und das über alle verfügbaren Medienkanäle. Alles, was sich an Service und Dienstleistungen für den Leser mit diesem Anliegen verträgt und zur Finanzierung des journalistischen Anliegen beiträgt, ist gut. Alles was die journalistische Qualität und Glaubwürdigkeit des Medium untergräbt, ist kontraproduktiv, auch wenn es Geld in die Kasse bringt.

Denn zusätzlich zur Berichterstatterpflicht wächst dem Moderieren unterschiedlicher, oft widerstrebender Anliegen im Lokalen immer mehr Bedeutung zu. Oder wie es Thomas Krüger, der Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung formulierte: „Die Lokalpresse – das hat vor allem die Debatte um Stuttgart 21 verdeutlicht – muss wieder mehr am Puls der Bürger sein und Volkes Stimme lauschen, wenn sie ihre Rolle als Kompass und Navigator behaupten will. An Stuttgart 21 hat sich letztlich gezeigt, welche überregionale Dynamik ein lokales Geschehen entwickeln kann – und das begreife ich als großartige Perspektive für einen Lokaljournalismus, der bürgernah und interaktiv sein will. Wenn es gelingt, solche notwendigen Diskussionsprozesse noch stärker anzustoßen und soziale Bewegungen zur Zufriedenheit möglichst vieler Bürger zu moderieren, sind wir vielleicht schon auf dem goldrichtigen Weg.”

Ob diese Eingliederung an eine neue Dialogkultur lokale Tageszeitungen in größerem Umfang auf Dauer retten wird, wird sich zeigen müssen. Weitermachen wie bisher ganz sicher läuft auf darauf hinaus, sich auf jeden Fall überflüssig zu machen. (mb)

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Jun 10 2010

“Grundkurs Bürgerjournalismus”

Kategorie: Allgemein, Medien, Zeitungadmin @ 16:24

Die Fans innovativer Geschäftsmodelle im Internet jubeln, der Deutsche Journalistenverband gibt sich pflichtgemäß entsetzt: In dieser Woche ging mit Tvype eine neue Plattform an den Start, die Fotos und Videos von Hobby-Reportern, aber auch von Profis honorarpflichtig an die Medien bringen will – und die Medien bei Bedarf an passende Bürgerreporter. Die Nutzer können Profile anlegen, der Profi-Zugang bietet sogar Upload per FTP. Redaktionen müssen sich registrieren lassen, können sich sogar eine individuelle Eingabemaske ordern – nur so ist der Zugang möglich. Nachrichtenagenturen bleiben außen vor. Daniel Holle steigt mit seiner Plattform Tvype nicht ganz klein in der Geschäft mit den Bürgerreportern ein, das Medien wie BILD, Saarbrücker Zeitung oder Center.tv angefangen haben. 100.000 Euro aus Brüssel und ein Betrag X eines Privatinvestors, der unbekannt bleiben will, bilden eine sichere Basis für zwei Jahre. Entstehen soll ein professioneller und strukturierter Weg, auf dem Bürgerreporter ihr Material schnell in die Redaktionen bekommen. Zehn Mitarbeiter prüfen laut Holle jedes Angebot unter nachrichtlichen, ethischen und presserechtlichen Aspekten. Ob das reicht, um Qualität zu sichern, wird die Praxis zeigen. Jetzt muss sich Tvype nur noch bekannt machen – und hoffen, dass Menge und Qualität des Materials die Interessenten überzeugt.

Die Sorge des Deutschen Journalistenverbandes wegen Qualitätsverlust und Lohndumping ist sicher nicht unberechtigt. Aber diese Entwicklung ist bereits unter dem Druck der Ökonomie von den Verlagen eingeleitet und wird nur noch ein wenig beschleunigt. Mindestens ebenso bedenklich mag man es finden, dass die Gesellschaft unaufhaltsam noch in den letzten Winkel ausgeleuchtet und vieles in Bild gesetzt wird, was besser im Privaten bliebe. Aber solche Überlegungen sind müßig. Die Ausbreitung des Bürgerreporters ist ein weiteres Indiz dafür, dass die Dämme brechen und der professionelle Medienjournalismus unaufhaltsam an Terrain verliert.

Anstatt zu jammern, sollten wir uns darauf konzentrieren welche positiven Möglichkeiten die Entwicklung in sich birgt. Es kann bei allen Problemen nicht nur fatal sein, wenn die Beteiligung am gesellschaftlichen Diskurs entmonopolisiert und in allen ihren Formen auf eine breitere Basis gestellt wird. Diese Entwicklung wird auch nicht auf die Bildberichterstattung beschränkt bleiben, auch wenn der Zugang dort leichter ist. Immer mehr Menschen werden auch das Schreiben und das Gestalten von TV- und Audiobeiträgen für sich entdecken. Sicherlich wird es im Netz immer mehr journalistische gestaltete Medien geben, in denen Menschen ohne journalistische Ausbildung agieren. Journalist wird sein, und das knüpft an eine alten Tradition an, wer als Journalist tätig wird – ob für viel, wenig oder gar kein Geld, spielt keine Rolle.

Warum sollte es nicht ganz abseits von Geschäftsmodellen eine interessante gesellschaftliche Aufgabe sein, die „Bürgerjournalisten“ unter die Fittiche zu nehmen. Ihnen die Grundbegriffe von journalistischem Handwerk und journalistischer Ethik beizubringen. Vom DJV als STandesvertretung wird man das nicht verlangen können. Aber die Volkshochschulen beispielsweise könnten hier stärker aktiv werden. Die Bundeszentrale für politische Bildung, die seit Jahrzehnten verdienstvoll die journalistische Kompetenz der Lokaljournalisten fördert, könnte vielleicht hier ein sinnvolles und zukunftsträchtiges Betätigungsfeld finden. Vielleicht sollte überhaupt Medienkunde in diesem Sinne im Bildungssystem einen ganz anderen Sinn bekommen – als “Grundkurs Bürgerjournalismus“. (bl)


Mrz 25 2010

Einheitsbrei statt journalistische Qualität?

Kategorie: Medien, Zeitungadmin @ 12:10

(nsb) Einzelne Titel, Standorte und die lokale Vielfalt in der deutschen Medienlandschaft könnten Bestand haben. Als Folge der hektischen Sparmaßnahmen der Verlage aber dürfte die nationale Vielfalt der Berichterstattung abnehmen, während Agentur-abhängigkeit und Selbstreferentialität der Medien zunehmen. Die Verdichtung redaktioneller Arbeit könnte systematisch zu Lasten journalistischer Qualitätssicherung und genauer Recherche gehen.

So lautet das zentrale Ergebnis einer Studie, die das Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft der Freien Universität Berlin im Auftrag des Deutschen Fachjournalisten-Verbandes erstellt hat.

Drei Trends stellt die Studie heraus: Auslagerungen, Redaktionsfusionen und Redaktionskooperationen sind die zentralen Maßnahmen, mit denen die Verlage ihre Redaktionen in der Wirtschaftskrise umgestalten. Zudem sei es der Branche bislang nicht gelungen, ein funktionierendes Geschäftsmodell für Qualitätsjournalismus im Internet zu etablieren.

Beim Outsourcing umgehen Verlage die Tarifbindung, indem sie Teile der Redaktion als selbstständige Tochterunternehmen auslagern. Redaktionszusammenlegungen, wie bei der Fusion dreier Regionalzeitungen der WAZ und bei den Gruner+Jahr-Wirtschaftsmedien, sollen Kosten sparen, indem die Arbeit auf weniger Köpfe verteilt wird. Artikelsyndizierung und Autorenpools bieten bei der Welt-Gruppe der Axel Springer AG und beim Berliner Verlag/M. DuMont Schauberg neue Möglichkeiten des Austauschs und der Mehrfachverwertung von Artikeln.

In ersten Reaktionen zeigten professionelle Leser, die als PR-Manager Printmedien beruflich nutzen, Verständnis für die Probleme und die Maßnahmen der Verlage. Sie befürchten aber, dass sich die ökonomischen Zwänge mittelfristig negativ auf die journalistische Qualität auswirken. Bereits heute werde eine zu starke Orientierung an vordergründiger Aktualität und vermeintlicher Exklusivität sichtbar, die zu Lasten gründlicher Recherche und Themenaufbereitung gehe. Wichtig sei, dass auch in Zukunft die Einzelprofile der Blätter erkennbar bleiben und kein „Einheitsbrei“ serviert wird.

Die komplette Studie ist hier als PDF abrufbar:  http://www.dfjv.de/fileadmin/user_upload/pdf/Studie_Journalistische_Qualitaet_03_2010.pdf

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Jan 21 2010

Alles kommt raus

Kategorie: Allgemein, Zeitungadmin @ 12:26

Eigentlich keine schlechte Idee: Die Süddeutsche Zeitung wollte ihre Präsenz in der iPod-Welt bekannter machen und beauftragte eine Agentur, die sich mit Bloggern und Communities auskennt – wie sie behauptet. Aber die Leute von Trigami wollten auf Nummer sicher gehen und schrieben die rundum positiven Kommentare zu dem neuen App lieber gleich selbst …

Eine solche Werbeaktion mit gekauftem Lob in Blogs ausgerechnet von einer Qualitätszeitung, die einerseits die Tugenden des unabhängigen Journalismus hochhält und andererseits das Internet schon einmal als Quelle allen Übels beschreibt? Das war natürlich eine interessante Konstellation.

Jan Tißler jedenfalls machte die durchsichtige Sache öffentlich – und die Wellen schlugen Trigami und SZ in kürzester Zeit über den leeren Köpfen zusammen. Lesen Sie von Hans Leyendeckers Erben selbst, wie alles raus kam: http://www.medienhandbuch.de/news/social-media-unfall-drei-dinge-die-man-aus-der-missglueckten-blog-pr-der-sueddeutschen-lernen-kann-exklusiv-33632.htm

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Nov 11 2009

Noch ein Volkstrauertag

Kategorie: Medien, Zeitungadmin @ 19:04

Seit wenigen Tagen steht es fest: Die Netzeitung ist Geschichte. Vor einem Monat erst kündigte die erste ausschließliche Online-Zeitung in Deutschland eine Kooperation mit dem Portal The European des ehemaligen Cicero-Ressortleiters Alexander Görlach an. In einem kurzen Interview hieß es:

“Netzeitung: Überall hört und liest man von Stellenkürzungen und Schließungen. Woher haben Sie den Mut genommen, ein Redaktionsteam aus 30 Mitgliedern zu bilden?

Görlach: Guter Journalismus ist nicht tot, schon gar nicht im Netz. Der alte Business-Case der Zeitung hingegen schon. Nicht das bedruckte Papier, sondern das, was draufsteht: Die Nachricht. Nachrichten sind überall im Netz, in dem Moment, wo sie geschehen. Was das Geschehene bedeutet, hingegen nicht. Das übernehmen nun wir.”

Der neue Eigentümer der NetZeitung, das Kölner Medienhaus DuMont-Schauberg, sieht das anders. Die werfen jetzt die letzten zwölf Redakteure raus und vertrauen auf die Online-Präsenzen ihrer gedruckten Traditionsblätter: Das bisherige Konzept einer Internetzeitung mit eigener Redaktion wird zum 31. Dezember 2009 aus wirtschaftlichen Gründen aufgegeben, die Netzeitung soll lediglich als automatisiertes Nachrichtenportal weiter betrieben werden.

Man mag sich gar nicht ausmalen, was in den Köpfen der Herren vorgeht. Weil die Vorstellung eigentlich gar nicht schwer fällt, welch enormes Potential in einem Haus schlummert, das die Redaktionen von Frankfurter Rundschau und Berliner Zeitung, Kölner Stadt-Anzeiger, Express, Mitteldeutscher Zeitung und Hamburger Morgenpost beherbergt.

Dieses Imperium hält die frische Luft nicht aus, die ihm eine Zukunftsidee zufächelt? Na dann, Fenster zu und weiter im bekannten Mief (noch bis 31.12.: www.netzeitung.de)


Sep 08 2009

„Spannender als die Zeitung“

Kategorie: Medien, Zeitungadmin @ 11:43

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Interview mit dem Pressedienst “Drehscheibe” / geführt am 1. September 2009

In dem Buch „Medienarbeit 2.0“ analysiert der Journalist Michael Bechtel, wie sich Medien, PR und Journalismus durch das Internet wandeln und was das für die Praxis bedeutet

Herr Bechtel, in Ihrem Buch „Medienarbeit 2.0“ bezeichnen Sie das Internet als den größten Kulturbruch nach Gutenberg. Was bedeutet das für die Medien und ihre Macher?

Viele Kollegen sehen immer nur die mediale Konkurrenz durch das Internet. Ich glaube die Veränderungen durch das Netz sind viel umfassender. Das Internet öffnet Betätigungsfelder, die es vorher nicht gab. Vom Austausch über Verbraucherplattformen, über die Möglichkeiten der Selbstdarstellung in den sozialen Netzwerken bis hin zu unbegrenzten Zugang zu Informationen, um nur einen kleinen Teil zu nennen. Nicht nur dass diese Kommunikation außerhalb der klassischen Massenmedien stattfindet, sie frisst auch das Zeitbudget für die Mediennutzung auf. Immer mehr Leute finden das Netz eben spannender als Zeitung oder Fernsehen. Um dabei nicht auf der Strecke zu bleiben, müssen sich die klassischen Medien in das große Gespräch im Netz einklinken. Sie dürfen die Menschen nicht mehr als Publikum behandeln, sondern als Mitmacher.

Damit verlieren die Journalisten aber auch ihre Funktion als Multiplikatoren.

Das haben sie doch schon. Gerade die jungen Leute laufen den Informationen nicht hinterher, sondern sind der Meinung, dass Informationen, die für sie relevant sind, sie auch erreichen. Dieses veränderte Informationsverständnis fordert die Medienmacher zum Umdenken. Die Redakteure müssen runter vom hohen Ross und in Dialog mit den Nutzern treten. Die Menschen lassen sich nichts mehr vorschreiben.

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