Bravo Stefan Gärtner, der im “European” schreibt:
“Im unendlichen Gezeter um einen Präsidenten, der beim Poussieren mit den Schönen und Reichen die Übersicht verloren hat, hält sich eine Skandalmaschine selbst am Laufen. Ein „Waterloo“ fürs öffentlich-rechtliche Fernsehen erkannten selbst die gemeinhin zurückhaltenden „FAZ“-Beauftragten Hanfeld und Löwenstein, nachdem die Vorsitzenden der Berliner Studios von ARD und ZDF es im Fernsehinterview mit Wulff versäumt hatten, den Delinquenten zu ohrfeigen und mit heißem Pech zu übergießen, und minutiös rekonstruierten die Frankfurter Allgemeinen Journalisten ein Fernsehgespräch, von dem ja bloß die allernaivsten Esel hatten erwarten dürfen, es werde anders laufen, als es gelaufen ist. Die viel grundsätzlichere Frage, warum ein Bundespräsident, der was mitzuteilen hat, bloß zu pfeifen braucht, und der Funk, der darauf besteht, kein Staatsfunk zu sein, springt, wurde immerhin gestreift.”
Auf viereinhalb kompletten Zeitungsseiten lutscht heute meine Lokalzeitung das Thema aus. Keine Frage, dass es ein Thema ist. Aber es ist doch alles dazu gesagt, und die Botschaft, dass wir aus Staatsräson mit einem Präsidenten mickrigsten Formats leben müssen, ist angekommen. Und so viele politische Sachthemen würden unsere Aufmeksamkeit fordern, die seit Tagen durchs Raster fallen. Ich finde es richtig, den Spieß jetzt einmal umzudrehen, und zu fragen, warum die geschätzten Kollegen so ausdauerndes Vergnügen an der Skandalisierung des politischen Personals haben. Die französische Presse beispielsweise verfolg dieses Getöse nur mit Kopfschütteln, ist man doch von den eigenen politischen Akteuren ganz andere Dimensionen von Verfehlungen gewohnt.
Nochmals: Die Medien haben im Fall Wulff getan, was ihre Aufgabe ist. Aber sie haben dafür viel andere Arbeit liegengelassen. Und nicht nur in diesem Falle.
Ich wünschte mir, dass sich die Rechercheure und Edelfedern dieses Landes in ähnlicher Akribie der Aufgabe widmeten, am Thema Euro dranzubleiben. Oder zu analysieren, welche Kräfte und Mechanismen ein vernünftiges System der Pflege verhindern. Warum es ein Skandal ist, dass immer weniger Menschen von ihrer Arbeit vernünftig leben können und wer davon profitiert. Oder den Menschen verständlich zu machen, was in unserer unmittelbaren Nachbarschaft in Ungarn vorgeht und warum es uns angeht.
Das aber sind Themen, die des Schweißes der Promi-Journalisten nicht wert sind, da müssen dürre Agenturtexte reichen. Denn sich tief in solche Sachthemen hineinzubegeben, macht Arbeit, richtige Mühe. Die unbeholfenen Worte eines Bundespräsidenten, der sich immer tiefer in die Scheiße hineinredet, genüsslich tagelang hin und herzudrehen ist ja viel bequemer. (Michael Bechtel)
