Apr 29 2011

Seltsame Hüte – ein TV-Ereignis

Kategorie: Medienadmin @ 09:06
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(nsb) Es war einmal eine Insel, wo die Menschen lauwarmes Bier tranken und ihre Königin seltsame Hüte trug. Die Königin hatte drei Söhne, einen mit sehr großen Ohren, einen mit sehr großen Zähnen, und einen dritten. Allen dreien fielen früh die Haare aus, und sie hatten Ähnlichkeit mit ihren Lieblingstieren, den Pferden.
In einem Land auf der anderen Seite des Meeres hatte man keinen König mehr, sondern einen Langweiler. Den letzten König, der sich Kaiser nennen ließ, seltsame Uniformen trug und ständig „kolossal“ sagte, hatte man in ein drittes Land verbannt. Auch dieses Land hatte eine Königin, die pausbäckig war, pausbäckige Söhne hatte und seltsame Hüte trug.
Als aber ein Enkel der Inselkönigin eine junge Frau, die künftig seltsame Hüte tragen sollte, heiratete, geschah etwas wundersames: In dem Langweiler-Land auf der anderen Seite des Meeres sollten alle Menschen dem Ereignis auf der Insel zuschauen: Gleich sechs Fernsehsender berichteten live von der Hochzeitsfeier, sechs Stunden lang. Die beiden öffentlich-rechtlichen Sender beschäftigten jeweils gleich drei Korrespondenten vor Ort in London mit der wichtigen Mission …
Wenn dies alles wirklich ein Märchen wäre über Königinnen mit seltsamen Hüten und ihre pausbäckigen oder pferdegesichtigen Söhne und Enkel, dann würde jetzt eine Hexe auftreten und vergiftete Äpfel reichen, oder so. Tatsächlich hat Adels-Experte Rolf Seelmann-Eggebert wieder einen großen Tag, er greift zum Mikrofon und salbt den Tag, an dem Willie und Kate sich das Ja-Wort geben. Seine Partner in der ARD werden über Hüte und Garderoben bleibende Sätze absondern. ZDF, RTL und Sat.1 werden die gleichen Bilder zeigen, ebenso die Live-Streams im Internet, denn alle Kameras werden von den Jungs der BBC bedient. Die Bilder sind preiswert zu haben und werden dennoch Quoten garantieren, wie sie sonst nur bei großen Sportereignissen üblich sind.
So hoffen die Macher, und können sich auf Traditionen berufen: Bei der Grablegung von Lady Di war es nicht anders, und die Krönung von Queen Elizabeth II. am 2. Juni 1953 war die erste Live-Übertragung überhaupt im damals einzigen Deutschen Fernsehen.
Mag sein, dass vielen Landsleuten der Sinn nach Märchenhochzeiten steht – um die kümmern sich RTL, Sat.1 und Pro 7 ebenso fleißig wie die Glamour- und Krawalljournaille von „Bunte“ und „Bild“. Die öffentlich-rechtlichen Sender jedoch leben von den Gebühren aller Zuschauer. Die hätten vielleicht gerne mehr erfahren über Aktuelles und Hintergründiges aus der Welt oder aus den Provinzen, denen der Langweiler vorsteht.
Eine richtige Chance für ernst gemeinten Fernseh-Journalismus wäre es auch gewesen, den Auftrieb um die hochadeligen Rituale mal zu hinterfragen. Mal den einen oder anderen seltsamen Hut zu lüften und nach der Substanz darunter zu forschen. Mal einen Blick hinter die Kulissen des Theaterbetriebs namens Royalty zu werfen. Mal ein paar kluge Leute öffentlich darüber plaudern zu lassen, wieso 222 Jahre nach dem Sturm auf die Bastille dieser Mummenschanz überhaupt interessiert.
Wir werden in Kürze erfahren, wie das Quotenrennen ausgegangen ist. Das gleiche statische Bildmaterial, das gleiche hohle Geschwätz und Geschwalle über ein Hochzeitspaar, illustre Gäste, schicke Klamotten und seltsame Damenhüte wird entweder den privaten oder den öffentlich-rechtlichen Sendern die meisten Zuschauer beschert haben. Deutlicher ist das märchenhaft-irrationale der Quotenhatz nicht zu belegen.

Das Youtube-Video zum Thema

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