Es ist Dienstag, der 1. Januar 22:00 Uhr – Millionen von Menschen in den Straßen der ägyptischen Städte. Friedlich fordern sie den Rücktritt des Diktators Mubarat. Am Abend spricht sich die Situation zu – das Staatsfernsehen hat eine Rede des Präsidenten angekündigt. Die Massen erwarten erregt die Rücktrittserklärung. Doch weit gefehlt – Mubarak bleibt. Er will den friedlichen Übergang organisieren. Er beleidigt die Bürger auf den Straßen: Der Protest sei durch politische Kräfte gesteuert. In diesen Minuten ist noch nicht klar, wie sich die Dinge entwickeln. Erste Berichte von Zusammenstößen zwischen Gruppen von Demonstranten, Schüsse sind zu hören …
Dramatische Situationen, die Folgen unabsehbar, Wendepunkte der Weltgeschichte vielleicht – CNN, BBC, Al Jazeera, France 24, die Nachrichtenkanäle der Welt sind live dabei. Sensationelle Bilder, eindrucksvolle Livegespräche, Analysen, Einbeziehung der Sozialen Medien. Al Jazeera steckt diesmal alle in die Tasche, auch CNN – selbst die Verhaftung ihrer Mitarbeiter und die Schließung des Büros kann die Berichterstattung nicht stoppen.
Und der deutsche TV-Konsument? Wer keine Satellitenanlage hat und nicht gut Englisch versteht, muss auf die planmäßigen Nachrichtenzeiten warten. Von den Privatsendern ist nicht viel zu erwarten, aber ARD, ZDF, setzen ungerührt ihr Programm fort. N24 berichtet über den 9.11.22001 in New York, n-tv beschäftigt sich mit amerikanischen Skinheads, Phoenix ist gerade auf einer Segeltour durch die Südsee.Beim ZDF ist zufällig gerade Nachrichtenzeit – und das fällt das peinlich genug aus. Interview wird der Korrepsondet auf dem Hoteldach. Dietmar Ottenberg fabuliert über seine Einschätzungen und Erwartungen. Ein Filmbericht mit ein paar beliebigen Demo-Bildern von Tage wird analysierend totgeschwätzt. Einziger Lichtblick: ein Interview mit Hamed Abdel-Samad, in Agypten geboren, bekannt geworden mit seinem Buch „Der Untergang der islamischen Welt“. So stellt er sich die Stimmung in Berlin im Herbst 1989 vor, sagt er – und das Misstrauen der westlichen Welt beleidige das ägyptische Volk.
Und dann die größte Peinlichkeit: Ansprache Mubaraks – kein Originalbild, kein Originalton. Nur das Resmümee – er tritt nicht zurück, will nur nicht mehr zur Wahl antreten. Wieder Schalte nach Kairo: der Korrespondent immer noch auf dem Dach. „Sie konnte ja in diesen wenigen Minuten nicht hinuntergehen und ein Million Ägypter interviewen, aber ….“ Brav verkündet Ottenberg, was er zur Wirkung der Rede sagen kann: Nichts! Man wird es in den nächsten Tagen erleben!
„Können wir jetzt noch ein paar deutsche Ägyptenurlauber interviewt bekommen“, so Minuten später ein süffisanter Kommentar auf Twitter. Die meisten drücken sich unverblühmter aus: „Die öffentlich-rechtlichen TV-Sender schaffen sich ab!“
Der Ärger hatte sich über Tage aufgestaut. Und die Anhängerschaft von Al Jazeera wuchs. Während Lena in der ARD stundenlang ihre Songs trällern durfte [Korrektur: sorry, hier lag ich im Eifer des Gefechts daneben, es war nicht in der ARD], rissen sich die deutschen Medien kein Bein dafür aus, angemessen über die Geschehnisse im Nahen Osten zu informieren. Kein Zweifel, das hat Gründe, und die sind politischer Art. Seit 30 Jahren hatten die USA, die EU und auch Deutschland auf die Diktatoren in den arabischen Welt gesetzt. Motto: Was interessieren uns unsere Grundwerte und die Unterdrückung in diesen Ländern, wenn es um den gesicherten Ölnachschub und die Eindämmung des politischen Islams geht?
Deutsche Journalisten, das macht den Unterschied zu CNN, machen sich seit jeher gerne die Sorgen der Politiker und Wirtschaftsbosse zu eigen. Und so hat die Berichterstattung hierzulande nur am Rande die Aufbruchstimmung der Tunesier und Ägypter gezeigt, aber in Bedenken und Warnungen vor den schrecklichen Folgen eines Umsturzes nur so geschwelgt. Ziemlich dick wurden die Gefahren einer Machtergreifung der Islamisten an die Wand gemalt. In Deutschland fällt das nun einmal angesichts der wachsenden Islamophobie auf besonders fruchtbaren Boden.
Damit soll gar nicht gesagt sein, dass die Sorgen unbegründet sein müssen und die Entwicklung nicht aucch Gefahren mit sich bringen kann. Für Demokraten aber sollte an allererster Stelle stehen, dass hier Völker mit Recht und guten Gründen um ihre Freiheit kämpfen – und das ist ohne Rücksicht auf die Folgen jeder Unterstützung wert.
So aber sind diese Tage zu einer Schande und Blamage für das Fernsehen geworden, vor allem für das öffentlich-rechtliche. Auch wenn sie keine Mehrheiten bilden: Die politisch interessierten Menschen fragen sich hierzulande ab sofort, wofür sie ihre Gebühren zahlen. Steht nicht Grundversorgung in Sachen Information ganz dick im Pflichtenheft von ARD und ZDF? Warum gibt es in der europäischen Vormacht Deutschland keinen echten, leistungsfähigen Nachrichtenkanal?
Ich habe nichts gegen stundenlange Live-Übertragungen von Wintersportveranstaltungen, seltsames Seriengeschehen und Talkshow-Geschwätz bis zum Abwinken. Aber wenn es politisch drauf ankommt, soll das öffentlich-rechtliche Fernsehen dabei sein – mit aller Kraft, mit richtig viel Aufwand und mit demokratischem Engagement. In diesen Tagen wäre es darauf angekommen. (mb)
Feb 01 2011

Februar 2nd, 2011 at 00:05
Es ist 1. Februar…