Die Fans innovativer Geschäftsmodelle im Internet jubeln, der Deutsche Journalistenverband gibt sich pflichtgemäß entsetzt: In dieser Woche ging mit Tvype eine neue Plattform an den Start, die Fotos und Videos von Hobby-Reportern, aber auch von Profis honorarpflichtig an die Medien bringen will – und die Medien bei Bedarf an passende Bürgerreporter. Die Nutzer können Profile anlegen, der Profi-Zugang bietet sogar Upload per FTP. Redaktionen müssen sich registrieren lassen, können sich sogar eine individuelle Eingabemaske ordern – nur so ist der Zugang möglich. Nachrichtenagenturen bleiben außen vor. Daniel Holle steigt mit seiner Plattform Tvype nicht ganz klein in der Geschäft mit den Bürgerreportern ein, das Medien wie BILD, Saarbrücker Zeitung oder Center.tv angefangen haben. 100.000 Euro aus Brüssel und ein Betrag X eines Privatinvestors, der unbekannt bleiben will, bilden eine sichere Basis für zwei Jahre. Entstehen soll ein professioneller und strukturierter Weg, auf dem Bürgerreporter ihr Material schnell in die Redaktionen bekommen. Zehn Mitarbeiter prüfen laut Holle jedes Angebot unter nachrichtlichen, ethischen und presserechtlichen Aspekten. Ob das reicht, um Qualität zu sichern, wird die Praxis zeigen. Jetzt muss sich Tvype nur noch bekannt machen – und hoffen, dass Menge und Qualität des Materials die Interessenten überzeugt.
Die Sorge des Deutschen Journalistenverbandes wegen Qualitätsverlust und Lohndumping ist sicher nicht unberechtigt. Aber diese Entwicklung ist bereits unter dem Druck der Ökonomie von den Verlagen eingeleitet und wird nur noch ein wenig beschleunigt. Mindestens ebenso bedenklich mag man es finden, dass die Gesellschaft unaufhaltsam noch in den letzten Winkel ausgeleuchtet und vieles in Bild gesetzt wird, was besser im Privaten bliebe. Aber solche Überlegungen sind müßig. Die Ausbreitung des Bürgerreporters ist ein weiteres Indiz dafür, dass die Dämme brechen und der professionelle Medienjournalismus unaufhaltsam an Terrain verliert.
Anstatt zu jammern, sollten wir uns darauf konzentrieren welche positiven Möglichkeiten die Entwicklung in sich birgt. Es kann bei allen Problemen nicht nur fatal sein, wenn die Beteiligung am gesellschaftlichen Diskurs entmonopolisiert und in allen ihren Formen auf eine breitere Basis gestellt wird. Diese Entwicklung wird auch nicht auf die Bildberichterstattung beschränkt bleiben, auch wenn der Zugang dort leichter ist. Immer mehr Menschen werden auch das Schreiben und das Gestalten von TV- und Audiobeiträgen für sich entdecken. Sicherlich wird es im Netz immer mehr journalistische gestaltete Medien geben, in denen Menschen ohne journalistische Ausbildung agieren. Journalist wird sein, und das knüpft an eine alten Tradition an, wer als Journalist tätig wird – ob für viel, wenig oder gar kein Geld, spielt keine Rolle.
Warum sollte es nicht ganz abseits von Geschäftsmodellen eine interessante gesellschaftliche Aufgabe sein, die „Bürgerjournalisten“ unter die Fittiche zu nehmen. Ihnen die Grundbegriffe von journalistischem Handwerk und journalistischer Ethik beizubringen. Vom DJV als STandesvertretung wird man das nicht verlangen können. Aber die Volkshochschulen beispielsweise könnten hier stärker aktiv werden. Die Bundeszentrale für politische Bildung, die seit Jahrzehnten verdienstvoll die journalistische Kompetenz der Lokaljournalisten fördert, könnte vielleicht hier ein sinnvolles und zukunftsträchtiges Betätigungsfeld finden. Vielleicht sollte überhaupt Medienkunde in diesem Sinne im Bildungssystem einen ganz anderen Sinn bekommen – als “Grundkurs Bürgerjournalismus“. (bl)
