Sep 30 2009

Kulturwandel ist gefragt

Kategorie: Allgemeinadmin @ 21:33

„Die beiden Kommunikationsexperten rechnen mit der herkömmlichen Medienarbeit gründlich und überzeugend ab“, schreibt Michael S. Zerbahn in seinem Online-Magazin neudeutsch, „ehe sie dem Leser aufzeigen, welch ein immenser Arbeitsaufwand im Internet auf ihn wartet. Als ob eine solche Ankündigung angesichts notwendiger Ressourcen nicht schlimm genug wäre, halten die Autoren den PR-Arbeitern die Fahne vor Augen, die diese seit Jahrzehnten vor sich hertragen und damit vorgeblich Offenheit und Transparenz fordern. Im Netz werden sie darauf verpflichtet, und Schulz-Bruhdoel/Bechtel trauen den wenigsten heute aktiven Medienarbeitern die Flexibilität zu umzudenken. Sie erweitern ihre Skepsis dahingehend, dass die heutigen Ausbildungen den künftigen Entwicklungen nicht einmal ansatzweise gerecht werden.“

Letzteres stimmt unbedingt – in der PR-Ausbildung findet ja unter kräftiger Mitwirkung der Verbände (oder doch von diesen billigend in Kauf genommen) zur Zeit ein Wettlauf um den niedrigst möglichen Kostenaufwand statt, gegen sich sich derzeit nur ein einsamer Anbieter in Heidelberg stemmt.

Das Urteil über die Kollegen Medienarbeiter dagegen ist in dieser Zuspitzung nicht die Botschaft des Buches. Umdenken werden sicher einige, manche sind dabei auch schon weit gekommen. Aber: Es reicht nicht, wenn die Kommunikationsexperten alleine umdenken. Und das Denken alleine hilft sowie nicht, es muss auch zu praktischem Handeln führen können. Dazu braucht es Chefs und Kunden, die einen tun lassen und Ressourcen zur Verfügung stellen.

Das eigentliche Problem liegt in den Gesamtorganisationen, die ihr Kommunikationsverhalten ändern müssen, in den Unternehmenskulturen die weg müssen von der alten Abschottungsmentalität. Wer das gehobene Management deutscher Unternehmen kennen gelernt hat, wird da wenig Hoffnung haben. (mb)

Ein Interview zum Thema mit Michael Bechtel finden Sie ebenfalls in der neuesten Ausgabe vom neudeutsch.


Sep 28 2009

Wahlberichterstattung: Früher Abschalten!

Kategorie: Allgemein, Medienadmin @ 13:19

Jens Schröder ist Mr. Analyzer. Bei Meedia.de ist er zuständig für die Welt der Quoten, Klickzahlen, Auflagen und Charts. Das macht er richtig gut. Und so sehen wir es ihm nach, dass er sich eher in statistische Zusammenhänge hinein versetzen kann als in den gemeinen Fernsehzuschauer. Dieser war als Bürger am 27. September, einem strahlend schönen Frühherbst-Sonntag, dazu aufgerufen, seine Stimme im Wahllokal abzugeben. Da hat er auch getan.

Und dafür soll er büßen, meint Jens Schröder. „Am Sonntagabend“, schrieb er, „bewies das Privatfernsehen Deutschlands wieder einmal, warum die öffentlich-rechtlichen Sender eben doch unverzichtbar sind und ein Land ohne ARD und ZDF nicht vorstellbar ist.“ SAT1, das bemängelt er, beendete seine Berichterstattung schon um 19:00 Uhr, obwohl sie laut Programm bis 20:00 gehen sollte. Sogar der Nachrichtensender n-tv hörte um 20:00 Uhr auf.

Ginge es nach Schröder, hätten Öffentlich-rechtliche und Private bis Mitternacht im Schulterschluss berichten und dem von einem quälenden Wahlkampf und einer ebenso qualvollen Wahlentscheidung ermatteten Zuschauern keine Erholung gönnen dürfen.

Getretener Quark wird breit, nicht stark. Um 19:00, spätestens 19:30 hatten wir stabile Zahlen, eine unangefochtene Koalition. Wir hatten einen nicht allzu überraschen Verlierer über die bittere Niederlage reden, die CSU der FDP die Schuld für ihr schwaches Ergebnis anlasten und alle anderen mit stolz geschwellter Brust ihren Wählern danken hören. Da hatte sich der regierende Bürgermeister von Berlin als künftiger Kanzlerkandidat empfohlen und wir waren belehrt, dass Angela Merkel es mit einem so starken Westerwelle nicht so leicht haben werde wie mit der müden SPD.

Entschuldigung: Nach 19:00 Uhr war nichts mehr hinzufügen, die Ergebnisse veränderten sich allenfalls hinter dem Komma. Über den Bildschirm kam nichts mehr außer dem mehr oder weniger klugen Gerede von Altpolitikern und Politikprofessoren. Ein wenig Spannung ging von Kiel aus; aber da war schon klar, dass es eine Auflösung an diesem Abend nicht mehr geben würde.

Was sollte bitteschön ein Bürger noch vor dem Fernseher? Reicht es nicht, sich trotz allem aus staatsbürgerlicher Verantwortung zur Wahlurne begeben zu haben? Sollen wir uns aus staatsbürgerlicher Verantwortung vor dem Fernsehen langweilen, bis auch noch Phoenix die warme Luft ausgeht?

Die Elefantenrunde, nun gut, eine ausführliche Wahlsendung gegen Mitternacht, meinetwegen! Aber ansonsten hätte es staatsbürgerliche Verantwortung (ganz abgesehen von der Verantwortung gegenüber dem Gebührenzahler) erfordert, die Berichterstattung abzubrechen. Hat mal jemand darüber nachgedacht, dass allzu viel auch schädlich sein kann? Vielleicht können die Medienexperten der Parteien hier einmal ein klärendes Wort mit den Fernsehverantwortlichen sprechen. Vielleicht kann die Bundeszentrale für politische Bildung hier einmal ihre Fachkompetenz geltend machen. Politiker, die schon im Wahlkampf keine gute Figur gemacht haben, sehen am Wahlabend ja nicht besser aus. Und wer 364 Tage im Jahr nichts Mitreißendes zu sagen hat, dem fällt angesichts von Sieg oder Niederlage erst rechts nichts Sinnstiftendes ein.

ARD und ZDF hätten sich um die Demokratie verdient gemacht, wenn sie bei einem so wenig spannenden Wahlabend flexibel reagiert und früher abgeschaltet hätten. Politikjunkies, die von den redunanten Einlassungen der Expertenprominenz nie genug bekommen, mögen sich auf Phoenix bedienen. Den Privaten ist nichts vorzuwerfen – außer, dass sie dem Publikum keinen besseren Ersatz zu bieten hatten als abgenudelte Serien und Dokus.

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Sep 08 2009

„Spannender als die Zeitung“

Kategorie: Medien, Zeitungadmin @ 11:43

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Interview mit dem Pressedienst “Drehscheibe” / geführt am 1. September 2009

In dem Buch „Medienarbeit 2.0“ analysiert der Journalist Michael Bechtel, wie sich Medien, PR und Journalismus durch das Internet wandeln und was das für die Praxis bedeutet

Herr Bechtel, in Ihrem Buch „Medienarbeit 2.0“ bezeichnen Sie das Internet als den größten Kulturbruch nach Gutenberg. Was bedeutet das für die Medien und ihre Macher?

Viele Kollegen sehen immer nur die mediale Konkurrenz durch das Internet. Ich glaube die Veränderungen durch das Netz sind viel umfassender. Das Internet öffnet Betätigungsfelder, die es vorher nicht gab. Vom Austausch über Verbraucherplattformen, über die Möglichkeiten der Selbstdarstellung in den sozialen Netzwerken bis hin zu unbegrenzten Zugang zu Informationen, um nur einen kleinen Teil zu nennen. Nicht nur dass diese Kommunikation außerhalb der klassischen Massenmedien stattfindet, sie frisst auch das Zeitbudget für die Mediennutzung auf. Immer mehr Leute finden das Netz eben spannender als Zeitung oder Fernsehen. Um dabei nicht auf der Strecke zu bleiben, müssen sich die klassischen Medien in das große Gespräch im Netz einklinken. Sie dürfen die Menschen nicht mehr als Publikum behandeln, sondern als Mitmacher.

Damit verlieren die Journalisten aber auch ihre Funktion als Multiplikatoren.

Das haben sie doch schon. Gerade die jungen Leute laufen den Informationen nicht hinterher, sondern sind der Meinung, dass Informationen, die für sie relevant sind, sie auch erreichen. Dieses veränderte Informationsverständnis fordert die Medienmacher zum Umdenken. Die Redakteure müssen runter vom hohen Ross und in Dialog mit den Nutzern treten. Die Menschen lassen sich nichts mehr vorschreiben.

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