HuffPost: Warum dem „Anti-Modell des Journalismus“ die Zukunft gehört

24. Mai 2013

Nun ist das endlich geklärt – die HuffPost kommt. Von erbitterten Anfeindungen über demonstrative Gelassenheit bis zu euphorischen Erwartungen reicht die Reaktionen. Ein Gratis-Angebot, das ausschließlich auf Werbung setzt – insoweit nichts Neues. Das „Anti-Geschäftsmodell für Journalismus“, giftet Axel-Springer-Chef Mathias Döpfner. Damit hat er natürlich Recht.

Schließlich füllt die Huffington Post ihre Spalten neben den fast täglichen Kolumnen von Huffington selbst und einem Kernteam von Mitarbeitern mit unbezahlten Texten. Da gibt es einen kleinen Anteil Beiträge von Prominenten aus Politik, Journalismus, Wirtschaft und Unterhaltung, die diesen effizienten Weg an die Öffentlichkeit gerne nutzen. Und da ist die Masse der für die HuffPost geschriebenen Texte von Bloggern und anderen Freizeitpublizisten. Die leben mangels anderer Quellen natürlich großenteils von Informationen aus den Nachrichten und Berichten anderer Medien. Hier geschieht das, was sich ohnehin unablässig im Netz abspielt: Blogger bereiten Informationen für eine Leserschaft auf, die an holzschnittartiger Faktendarstellung und meinungsstarken Storys interessiert ist und kaum an schwer verständlichen Hintergründen.

So findet die HuffPost viele Leser – und wo viele Leser sind, stehen die Informationsanbieter Schlage. An Zugang zu den Informationskanälen fehlt es nicht und exklusive Meldungen sind gar nicht selten. Die weltweite Expansion hat auch den Sinn, diese Informationszugänge zu globalisieren. Arianna Huffington träumt von einem weltweiten Informationsnetz von HuffPost-Redaktionen, in dem gemeinsam an Geschichten gearbeitet werden kann. Dagegen könnten irgendwann auch die großen Korrespondenten-Netzwerke der Agenturen alt aussehen.

Ein spannendes Medium für viele also, auch wenn die Journalisten und Medienunternehmer, die mit allen Fasern ihres Herzens und nicht zuletzt mit ihrem Geldbeutel am alten Broadcasting-Mediensystem hängen, noch so sehr die Nase rümpfen. Dieser Hochmut kommt vor dem absehbaren Fall, den die Sparpolitik der Medienhäuser nicht verursacht, wohl aber beschleunigt. Mit der dort hochgehaltenen Definition von Qualitätsjournalismus können die Menschen, die mit Hilfe der Fernbedienung gediegenere Information im TV konsequent umschiffen, ohnehin wenig anfangen. Und noch weniger mit dem Argument, dass Qualitätsjournalismus aufwändig ist und bezahlt werden muss. Die Kostenloskultur und Billigmentalität ist eben nicht ein Phänomen des Netzes, sondern sozusagen ein allgemein menschliches Phänomen. Wenn etwas billig oder ganz kostenlos zu haben ist, greift man gerne zu – vielleicht gibt es ja Besseres, aber das muss man sich leisten können. Und wollen.

Genau da liegen die ökonomischen Grenzen für alle, die auf der Dienstleistung Journalismus tragfähige Geschäftsmodelle begründen wollen. Nachdem die Werbung sich vom journalistischen Kontent weitgehend emanzipiert hat und im Netz ihre Zielgruppen auf vielfältige Weise punktgenauer erreicht, führt kein Weg daran vorbei, die Nutzer für Inhalte kräftig zahlen zu lassen. Damit aber wird journalistische Dienstleistung ein Nischenmarkt, in dem viele kleine Medienunternehmer am Rande der Selbstausbeutung und wenige große einigermaßen auskömmlich existieren können. Der Journalismus wird schrumpfen müssen, die meisten Unternehmen werden nicht überleben. Und die unternehmerische Kunst wird darin bestehen, die „Bezahlschranke“ im Gleichschritt mit der Qualität so geschickt hochfahren, dass nicht zu viele User zu früh verprellt werden und so viel Zahlungsbereitschaft wie möglich erzeugt wird.

Die Huffington Post kann nicht dafür. Wie erfolgreich sie letzten Ende in Deutschland sein wird und wie schnell sie Geld verdient, ist letzten Endes belanglos. Allenfalls wird sie ohnehin ablaufende Prozesse etwas beschleunigen. In jeden Fall macht die neue Online-Zeitung eine Umwälzung deutlicher sichtbar, die auch ohne sie abläuft. Sie wird gewissermaßen zum Zentralorgan der vielen, denen das Netz die Möglichkeit eröffnet hat, publizistisch tätig zu sein. Auch in Deutschland wird es hunderte, tausende Schreiber geben, die bei dem neuen Medium – wenn es nicht die HuffPost ist, bei irgend einem anderen – Schlange stehen. Die erst gar nicht nach Honorar fragen, weil sie für ihre Texte Öffentlichkeit und Wirkung wollen, weil sie für ihre Blogs und Internetmagazine User brauchen. Dass die Urheber in Deutschland Anspruch auf eine angemessene Vergütung haben, wie der DJV mahnt, interessiert sie nicht.

Dem „Anti-Geschäftsmodell des Journalismus“ gehört jedenfalls die Zukunft, jedenfalls ein gutes Stück davon. Früher war alles besser, klar – fragt sich für wen. Dass Journalisten und Medienunternehmer über die Konkurrenz der Amateure nicht glücklich sind, ist ihnen nicht übel zu nehmen. Ebenso wenig aber kann man den Menschen, die die neuen Möglichkeiten des Netzes für sich nutzen, nun vorwerfen, sie machten Journalisten arbeitslos und trieben Medienunternehmen in die Pleite. Die Welt ändert sich, und die Drucker des 15. Jahrhunderts haben auf die Schreibstuben der Mönche auch keine Rücksicht genommen.

Nicht von der Hand zu weisen ist auf lange Sicht das Qualitätsproblem. Noch schaffen professionelle Journalisten eine halbwegs solide Faktengrundlage, von der auch die Massenpublizistik des Netzes derzeit ganz gut zehrt. Aber wie viel Journalismus ist in der Nische der Medien für Begüterte und Gebildete lebensfähig? Wo endet die Entwicklung, wenn der gesellschaftlich notwendigen Dienstleistung Journalismus so weit die materielle Basis wegbricht, dass sich die Blogger und Gelegenheitspublizisten nicht mehr auf das Material recherchierender Journalisten, sondern nur noch auf PR im weitesten Sinne stützen kann? Auf diese Frage muss die Gesellschaft und die Politik eine Antwort finden – wenn Journalismus ein knappes, aber unverzichtbares Gut ist, wird es Wege geben, ihn zu finanzieren. Das Leistungsschutzrecht ist jedenfalls nicht im Ansatz eine Antwort.

Sparen bis zum Exitus

26. November 2012

Seit Dienstag, 12 Uhr, suchen die Eigentümer der „Frankfurter Rundschau“ (FR) dringend einen Investor – es müsste schon ein vielfacher Millionär sein – der die traditionsreiche Zeitung rettet. Wenn dies nicht gelingt, wird es die FR im nächsten Jahr nicht mehr geben.
Das Kästner-Gedicht wird heute kaum noch jemand kennen. Und sein Anspruch wird wohl erst recht nur von ganz wenigen Wohlhabenden geteilt – Geld geben, um die Welt zu verbessern. Dabei ginge es hier sogar nur um den Erhalt einer wichtigen Stimme im deutschen Journalismus; noch dazu einer Stimme aus dem linken Milieu. Nein, es besteht kaum Hoffnung.
Denn nicht nur die linke FR, auch die wirtschaftsnahe „Financial Times Deutschland“, vielleicht sogar die gesamte Palette der Wirtschaftsmedien aus dem Verlag Gruner + Jahr, stehen vor dem Aus. Die erst vor zwei Jahren hoffnungsfroh aus dpd/ads und der deutschen Associated Presse geschmiedete Agentur dapd hat schon vor drei Monaten Insolvenz angemeldet.
Und wer die Entwicklung in den letzten zehn Jahren verfolgt hat, wundert sich nicht. In den Medienhäusern hat ein Denken Platz gegriffen, das der Rendite die Priorität vor allem anderen einräumt. Aus diesem Grund wird gespart bis zum Zusammenbruch – an den technischen Kosten, am Vertrieb, vor allem aber am Personal. Seit 2004 ist die Zahl der Mitarbeiter im Frankfurter Druckhaus von damals rund 1.700 auf heute 550 gesunken. Ehemalige Redakteure arbeiten in ausgelagerten Firmen, weil so keine Tarifgehälter gezahlt werden müssen. Die vom Verlag DuMont-Schauberg verordnete Zusammenarbeit mit der „Berliner Zeitung“ hat letztlich dazu geführt, dass die FR den Anschein einer Lokalausgabe der Hauptstadtzeitung erweckte.
Alfred Neven DuMont hat viel Geld in Frankfurt investiert – aber er wollte es durch Sparauflagen zurück gewinnen, wenn möglich gut verzinst. Bei Gruner + Jahr sollte die Zusammenführung der Redaktionen so unterschiedlicher Medien wie „Capital“, „Impulse“ und „FTD“ an einem Newsdesk Kosten sparen – bei einer Umsatzrendite von 10,2 Prozent im Jahr 2011.
Mit dem fortlaufenden Ausdünnen der Redaktionen, mit der Herumkürzerei an den Bezügen wie an den Mitteln für eigene Recherchearbeit, mit der ständigen Überforderung und dem Zwang, sich am Newsdesk auf mehrere Produkte zugleich zu konzentrieren, ist aber journalistische Qualität nicht möglich – die vielleicht wichtigste Ressource für wirtschaftlichen Erfolg im Mediengeschäft. Es geht ums Geschäft: Wer Handys herstellt oder Brötchen verkauft, muss auch auf Qualität achten. Stattdessen reagieren die Verlagshäuser auf die Verwerfungen, die das Internet mit sich bringt, mit immer neuen Aderlässen.
Nicht nur die FR und die akut gefährdeten Blätter aus dem Hause Gruner + Jahr benötigen dringend eine ganz andere Rosskur: Die Verleger sollten drei Viertel ihrer überklugen Betriebswirte vor die Tür setzen und alle Verträge mit ihren Unternehmensberatungen kündigen. Das frei werdende Kapital sollten sie in engagierte, aus innerer Überzeugung arbeitende Redakteure, Reporter, Fotografen und Online-Journalisten investieren, die nachts schlecht schlafen, wenn sie fürchten, ein Komma falsch gesetzt zu haben. Und als Chefredakteure sollten sie Leute berufen, die ihre Leser nicht ständig unterfordern, sondern klüger machen wollen.
Dann wissen die Leute wieder, warum sie eine Zeitung abonnieren; dann begreift die Werbewirtschaft, dass sie dieses Feld wieder beackern muss. Dann stimmt auch die Rendite. (nsb)

Wenn die Meinungspolizei ausrückt

13. April 2012

(nsb) Er hat es geahnt und die Provokation dennoch gewagt: Günter Grass sprach aus, „was gesagt werden muss“. Seither schwoll der Chorgesang der politisch Korrekten, ebenso die Zornesadern der Selbstgerechten und Bescheidwisser in den Redaktionen und Lobbies. Und dann auch noch „Draußen bleiben!“ So dürfen Metzgereibetriebe Hunde fernhalten, ein demokratischer Staat sollte auf Einreiseverbote verzichten.

Vor wenigen Wochen hatte es der Verteidigungsminister Thomas de Maizière gewagt, seinen israelischen Amtskollegen Ehud Barak öffentlich von einem Militärschlag gegen den Iran abzuraten – niemand hat’s interessiert. Ein paar Tage darauf verglich der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel die gegenwärtige Politik Israels gegenüber den Palästinensern mit dem einstigen Apartheid-Regime in Südafrika. Als die Empörungsmaschine losratterte gab er sich missverstanden und ruderte wortreich zurück. Es bedarf offensichtlich des Gewichts des Nobelpreisträgers Günter Grass, um eine notwendige Diskussion zu starten.

Nicht darüber, ob der Mann seine eigene Vergangenheit und die Scham seiner Generation bewältigt, ob er gar der Typ des modernen, gebildeten Antisemiten ist. Das sind Ablenkungsversuche und Gemeinheiten, die bewusst Grass diffamieren, um sich mit den Fakten nicht auseinandersetzen zu müssen. Henryk M. Broder giftete in der „Welt“ gewohnt polemisch: „Einmal SS, immer SS!“ Josef Joffe bemühte in der „Zeit“ die Tiefenpsychologie, um Grass des Antisemitismus zu überführen: „Das Unbewusste drängt nach außen.“ Frank Schirrmacher ließ in der „FAZ“ durchblicken, der Autor übe mit seinem Gedicht die Umkehrung von Täter- und Opferrolle, um die eigene Biografie zu entlasten. Der Journalistenschar zwischen Flensburg und Garmisch waren damit die Stichworte geliefert, die sie beflissen in ihre eigenen Kommentare einflocht.

Was hat Grass denn gesagt? Er warnt vor einer Politik Israels, die seit mindestens einem Jahr laut über einen Militärschlag gegen den Iran nachdenkt. Gerade ließ Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu mitteilen, das Vorhaben sei „verschoben“. Tatsache ist, dass Israel in Aserbeidschan an der iranischen Nordgrenze einen Flugstützpunkt aufbaut. Wo seine Unterseeboote kreuzen, und ob sie mit atomar bestückten Raketen ausgerüstet sind, wissen wir nicht, weil Israel keinerlei Kontrollen zulässt. Wir wissen aber, dass zwei weitere U-Boote für Israel in deutschen Werften im Bau sind und jüngst die Lieferung eines sechsten vereinbart wurde.

Grass fordert, Israel und Iran sollten sich gleichermaßen internationalen Kontrollen ihrer Nuklearpotenziale unterwerfen. Beide also, nicht nur der Iran. Bislang hat der Westen schulterzuckend die Existenz atomarer Waffen in Israel akzeptiert. Als ob es zur Existenzgarantie für Israel gehörte, die Missachtung des Atomwaffensperrvertrags durch den Judenstaat zu ignorieren.

Was Grass nicht sagen musste, ist allgemein bekannt: Die palästinensische Hamas predigt Hass und Vergeltung, bildet Terroristen aus, schießt auf jüdische Siedlungen. Die aber entstehen gegen jedes Völkerrecht auf palästinensischen Staatsgebiet. Der iranische Präsident verhöhnt den Westen, leugnet den Holocaust und will Israel von der Landkarte getilgt wissen. Er ist mehr als ein Maulheld, wie Grass ihn nannte, er ist unberechenbar. Letzteres gilt ebenso für alle Staaten in der Region – für Libanon, Syrien, den Irak, bis hin zum Yemen und Pakistan.

Wenn das kein Spannungsgebiet ist, was denn? Dahin liefert die deutsche Bundesregierung ein weiteres U-Boot. Hierin liegt der eigentliche Skandal, denn Waffenexporte in Spannungsregionen sind uns Deutschen verboten. Das musste gesagt werden, Grass sprach es aus – aber die Diskussion um sein Gedicht klammert diesen Rechtsverstoß völlig aus. Grass ist mutig, weil er wusste, wie es kommen wird. Er mahnt, die Welt nicht in einen Krieg torkeln zu lassen, weil ein paar Strategen glauben, sie müssten die militärische Vormachtstellung Israels in der Region sichern. Wir sollten die Mahnung annehmen und erkennen, dass die Bundesregierung mit ihrer Aufrüstungspolitik an der Seite Israels eine verfehlte Art der Wiedergutmachung betreibt. Dass es ein Freundschaftsdienst an Israel sein könnte, den Scharfmachern dort entgegen zu treten. Und dass es die Künste der Diplomatie schaffen müssen, die Mullahs in Teheran zur Vernunft zu bringen – nicht ein militärischer Angriff auf Atomanlagen mit unvorhersehbaren Folgen.

Das den Menschen zu erklären wäre eine wichtige Aufgabe der Presse. Könnte es sein, dass unsere Meinungseliten ihre urdeutschen Schuldgefühle nie wirklich verarbeitet haben und darum erzittern unter jedem Drohen der „Holocaust-Industrie“ – ein Begriff, den übrigens Henryk Broder in seinem jüngsten Buch „Vergesst Auschwitz“ gebraucht? Es ist erbärmlich, wie dümmlich, arrogant und ehrverletzend der größere Teil der Leitartikler und Israel-Lobbyisten über Grass her fällt. Auch mancher Politiker, der sich an dem „kreuziget ihn!“ beteiligt. Wenn etwas dem zeitgenössischen Antisemitismus die Leiter hält, dann ist es diese zur Schau getragene, gedankenlose Empörungsroutine.
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(-fff-) Nachlesenswert auch dieser Kommentar, den ich im Internet gefunden habe:
Wolfgang Donsbach schreibt am 11. April in seinem Blog: Eine ekelhafte Debatte – Über die Unmöglichkeit, in Deutschland sachlich zu diskutieren. Hier online zum Weiterlesen.

Öffentlich-rechtliches Versagen

27. März 2012

„Der wird einem regelrecht sympathisch“, urteilt ein Blogger. Er meint Mahmud Ahmadinedschad, den Präsidenten des Iran, der sich vor einer Woche gut 40 Minuten lang einem Interview mit Claus Kleber stellte. Ach was; der Präsident hat gezeigt, wie er einen schlecht vorbereiteten und übervorsichtigen „Topjournalisten“ aus Deutschland vorführen kann.

Zwei Jahre hatte sich das ZDF angeblich um dieses Interview bemüht, die Erwartungen durften entsprechend groß sein. Doch Kleber sitzt seltsam steif, erkennbar unsicher seinem Gesprächspartner gegenüber, sein rascher Puls ist an der Halsschlagader sichtbar.

Schon nach wenigen freundlichen Worten zu Beginn erreicht die Situation einen Tiefpunkt. Kleber fragt:

Menschen in Europa, speziell in Deutschland schauen mit großer Spannung auf diese Region im Moment und fürchten, dass ein Krieg möglich sein könnte. Haben Sie eine Botschaft in diesem Zusammenhang, heute?

Ahmadinedschad: Können Sie uns sagen, von welcher Seite eine Kriegsgefahr behauptet wird und warum?

K.: Sie wissen so gut wie ich, dass Israel mit einem Angriff auf Iran droht, wenn sich die Frage des Nuklearprogramms nicht anders lösen lässt.

A.: Warum muss Israel drohen?

K.: Weil Iran bis heute sich weigert, sein Atomprogramm offenzulegen.

A.: Zeigen die Zionisten Klarheit und Transparenz in ihrer Nuklearfrage? Sie haben mehr als 250 atomare Sprengköpfe! Ist das kein Problem, wenn sie so ausgestattet sind?

K.: Israel gehört nicht zum Atomwaffensperrvertrag. Es hat keine vertragliche Verpflichtung, das offen zu legen. Iran hat diese Verpflichtung.

A.: Das heißt, jeder der nicht Unterzeichner des Vertrages ist, ist frei zu tun, was er will?

K.: So ist das wohl.

A.: Das heißt, wenn jemand Mitglied des Vertrages ist, darf er entrechtet werden? Und die Zionisten dürfen einem Mitgliedsland drohen?

Und dann darf Ahmadinedschad minutenlang ausführen, dass er Atomwaffen ablehnt, sie niemand braucht, dass sie etwas für Zurückgebliebene seien. Schließlich fragt er Kleber, ob „die Zionisten“ ein ungeschriebenes Recht hätten, der ganzen Welt ihre Sicht aufzuzwingen, bezeichnet Israel als ein künstliches Konstrukt ohne Existenzberechtigung und leugnet zum wiederholten Male den Holocaust.

Kleber schweigt und schweigt, versucht endlich das Thema zurück auf die Nuklearpolitik des Iran zu bringen. Aber die restlichen 30 Minuten des Gesprächs lassen sich in wenigen Worten darstellen:

K.: Warum öffnen Sie nicht alle Türen?

A.: Tun wir doch!

K.: Nein!

A.: Doch!

Dieses Interview war nutzlos und unprofessionell. Wer sich auf Gegenfragen einlässt, hat als Interviewer schon verloren. Wer dann noch Unsinn antwortet, erst recht: Natürlich dürfen auch die Nichtunterzeichner des Atomwaffensperrvertrags nicht machen, was sie wollen; das weiß man zum Beispiel in Nordkorea.

Kleber wirkte fast verängstigt, hing starr an seinem Fragekonzept, ließ Ahmadinedschad immer wieder ausweichen und Gegenfragen stellen, statt beherzt nachzuhaken. Verdammt schade, wie hier eine seltene Chance vertan wurde, Neues und Verbindliches zu erfragen. Man erinnert sich wehmütig, wie einst eine Oriana Fallaci mächtige Männer wie Henry Kissinger, Deng Xiaoping, Muammar al-Ghaddafi oder den Ayatollah Chomeini befragt und als zynische, machtbesessene Lügner entlarvt hatte.

Vielfache Kritik in den Medien und in der Politik gibt es aber an einer Stelle, wo Kleber sich richtig verhalten hat: Er ließ sich von seinem Gesprächspartner nicht dazu provozieren, über den Holocaust zu diskutieren. Dafür wird er jetzt gescholten, vom Zentralrat der Juden wie von Spiegel, Focus oder Cicero. Die Empörungsmaschine rattert los, als habe er selbst die Judenvernichtung in Frage gestellt. Kleber wollte erfahren, ob dem iranischen Präsidenten die bedrohliche Situation bewusst ist. Das haben wir leider nicht erfahren. Dass Ahmadinedschad den Holocaust für eine verschwörerische Erfindung hält, das wissen wir schon. Ob es ausgerechnet Claus Kleber gelungen wäre, ihn zu belehren?

Die vollständige Version des Interviews gibt es hier:

http://www.youtube.com/watch?v=P2VJIOR8I3s

(nsb)

Leistungsschutzrecht: Die Welt hat sich verändert – und die Verleger wollen dafür Schadenersatz

5. März 2012

Das Leistungsschutzrecht soll nun werden – schließlich hat die Regierung es den Verlegern versprochen. Mit denen legt man sich nicht an, wenn die eigene Situation politisch so prekär ist. Da helfen Warnungen nicht. Für Rationalität ist wenig öffentlicher Raum, wo die Kritik-Instanzen der Republik selber in Exis­tenz­nöten und Eigen­in­teressen befangen sind.

Da kann sich Stefan Niggemeier noch so lange den lustigen Satz aus dem Koa­litionsausschuss auf der Zunge zergehen lassen: “Gewerbliche Anbieter im Netz, wie Suchmaschinenbe­trei­ber und News-Aggregatoren, sollen künftig für die Verbreitung von Presseerzeug­nissen (wie Zeitungsartikel) im Internet ein Entgelt an die Verlage zahlen.” Der Shitsturm wird nichts nützen, den Netzakteuren werden ihre Grenzen aufgezeigt, wenn die Leitmedien Niggemeiers süffisanten Satz nicht aufgreifen: “Google und womöglich auch die Perlen­taucher und turi2s dieses Landes sollen den Verlagen also Geld dafür geben, dass sie helfen, dass deren Inhalte ein Publikum finden.”

Ja, die sollen zahlen, werden die Verlegen fröhlich sagen, und die Chefkommentatoren werden ihnen beispringen. Vielleicht macht die neue Nebenerwerbsquelle auch Schule. Die Anbieter von Sportartikeln, tollen Autos oder neuester Unterhaltungselektronik könnten, wenn die Konjunktur mal schlecht läuft, auch einen Obulus fordern. Auf deren teuer erstellte Netzangebote fahren die jungen Leute ab, und Google verdient daran mit. Noch dazu sind sie viel häufiger auf den oberen Rankingplätzen als die Texte des Allge­meine Anzeiger aus dem Hinterwald. Die Banken könnten Geld verlangen, wenn Google Kunden auf ihre Seiten schiebt, sind sie doch womöglich noch systemrelevanter als Zeitungen. Und wenn erst Schäuble und die Stadtkämmerer eine Einnahmequelle wittern, werden die Suchmaschinen und damit das Web endgültig dicht machen.

Auch mit diesem Blog-Artikel verdient Google Geld. Zugegeben in so bescheidenen Grenzen, dass meine kritische Unabhängigkeit bei diesem Thema nicht gefährdet ist.

Es wird nicht nützen, trotzdem sei daran erinnert: Die Zeitungs- und Zeitschriftenverleger fordern eine Subvention als Schadenersatz dafür, dass ihre Inhalte nicht mehr so gefragt sind wie früher. Denn das und nichts anderes ist die tiefere Ursache dafür, das Auflagen und Werbeeinnahmen zurückgehen – nicht die Tätigkeit von Google.

Anstatt innovativ an das eigene Angebot heranzugehen, lassen die Verleger dort den Sparkommissar zuschla­gen, und fordern gesetzlichen Schadenersatz dafür, dass die Welt sich ändert und das Publikum sich abwendet. So haben wenigstens auch die Blätter etwas davon, deren geistiges Eigentum bei Google kaum je die obersten 100 Rankingplätze erreicht, weil den Aufguss aus Agenturmaterial und lokaljournalistischer Routine keiner haben will.

So handeln Unternehmer, die selbst nicht mehr glauben, dass ihr Produkt verkäuflich ist oder jemals wieder werden kann.

Die Subvention darf natürlich nicht Subvention heißen. Zahlen sollen ja nicht die Steuerzahler, sondern private Unternehmen. Diejenigen, die entscheidenden Anteil daran haben, dass zu den verbliebenen 48 Mil­lio­nen Le­ser der gedruckten Zeitungen jeden Monat 25,5 Milli­onen Unique Usern hinzukommen. Das könnte sich irgendwann als fürchterlicher Fehler erweisen. Die Verleger sägen fröhlich an dem Ast, auf dem sie einmal sitzen könnten. Natürlich erst, wenn sie Inhalte zu bieten haben, für die genügend Menschen im 21. Jahrhundert zu zahlen bereit sind.

Man kann ja der Meinung sein, dass die Existenz von Printmedien in diesen Umbruchzeiten gesichert werden muss. Auch ich sehe ihren Wert für den politischen Diskurs – gerade auch für die Diskussion im Netz. Aber bitte: Wenn es im öffentlichen Interesse ist, dann bitte offen deklarierte Subvention aus Steuergeldern.
Michael Bechtel

Wulff und kein Ende

6. Januar 2012

Bravo Stefan Gärtner, der im “European” schreibt:

“Im unendlichen Gezeter um einen Präsidenten, der beim Poussieren mit den Schönen und Reichen die Übersicht verloren hat, hält sich eine Skandalmaschine selbst am Laufen. Ein „Waterloo“ fürs öffentlich-rechtliche Fernsehen erkannten selbst die gemeinhin zurückhaltenden „FAZ“-Beauftragten Hanfeld und Löwenstein, nachdem die Vorsitzenden der Berliner Studios von ARD und ZDF es im Fernsehinterview mit Wulff versäumt hatten, den Delinquenten zu ohrfeigen und mit heißem Pech zu übergießen, und minutiös rekonstruierten die Frankfurter Allgemeinen Journalisten ein Fernsehgespräch, von dem ja bloß die allernaivsten Esel hatten erwarten dürfen, es werde anders laufen, als es gelaufen ist. Die viel grundsätzlichere Frage, warum ein Bundespräsident, der was mitzuteilen hat, bloß zu pfeifen braucht, und der Funk, der darauf besteht, kein Staatsfunk zu sein, springt, wurde immerhin gestreift.”

Auf viereinhalb kompletten Zeitungsseiten lutscht heute meine Lokalzeitung das Thema aus. Keine Frage, dass es ein Thema ist. Aber es ist doch alles dazu gesagt, und die Botschaft, dass wir aus Staatsräson mit einem Präsidenten mickrigsten Formats leben müssen, ist angekommen. Und so viele politische Sachthemen würden unsere Aufmeksamkeit fordern, die seit Tagen durchs Raster fallen. Ich finde es richtig, den Spieß jetzt einmal umzudrehen, und zu fragen, warum die geschätzten Kollegen so ausdauerndes Vergnügen an der Skandalisierung des politischen Personals haben. Die französische Presse beispielsweise verfolg dieses Getöse nur mit Kopfschütteln, ist man doch von den eigenen politischen Akteuren ganz andere Dimensionen von Verfehlungen gewohnt.

Nochmals: Die Medien haben im Fall Wulff getan, was ihre Aufgabe ist. Aber sie haben dafür viel andere Arbeit liegengelassen. Und nicht nur in diesem Falle.

Ich wünschte mir, dass sich die Rechercheure und Edelfedern dieses Landes in ähnlicher Akribie der Aufgabe widmeten, am Thema Euro dranzubleiben. Oder zu analysieren, welche Kräfte und Mechanismen ein vernünftiges System der Pflege verhindern. Warum es ein Skandal ist, dass immer weniger Menschen von ihrer Arbeit vernünftig leben können und wer davon profitiert. Oder den Menschen verständlich zu machen, was in unserer unmittelbaren Nachbarschaft in Ungarn vorgeht und warum es uns angeht.

Das aber sind Themen, die des Schweißes der Promi-Journalisten nicht wert sind, da müssen dürre Agenturtexte reichen. Denn sich tief in solche Sachthemen hineinzubegeben, macht Arbeit, richtige Mühe. Die unbeholfenen Worte eines Bundespräsidenten, der sich immer tiefer in die Scheiße hineinredet, genüsslich tagelang hin und herzudrehen ist ja viel bequemer. (Michael Bechtel)

Seltsame Hüte – ein TV-Ereignis

29. April 2011

(nsb) Es war einmal eine Insel, wo die Menschen lauwarmes Bier tranken und ihre Königin seltsame Hüte trug. Die Königin hatte drei Söhne, einen mit sehr großen Ohren, einen mit sehr großen Zähnen, und einen dritten. Allen dreien fielen früh die Haare aus, und sie hatten Ähnlichkeit mit ihren Lieblingstieren, den Pferden.
In einem Land auf der anderen Seite des Meeres hatte man keinen König mehr, sondern einen Langweiler. Den letzten König, der sich Kaiser nennen ließ, seltsame Uniformen trug und ständig „kolossal“ sagte, hatte man in ein drittes Land verbannt. Auch dieses Land hatte eine Königin, die pausbäckig war, pausbäckige Söhne hatte und seltsame Hüte trug.
Als aber ein Enkel der Inselkönigin eine junge Frau, die künftig seltsame Hüte tragen sollte, heiratete, geschah etwas wundersames: In dem Langweiler-Land auf der anderen Seite des Meeres sollten alle Menschen dem Ereignis auf der Insel zuschauen: Gleich sechs Fernsehsender berichteten live von der Hochzeitsfeier, sechs Stunden lang. Die beiden öffentlich-rechtlichen Sender beschäftigten jeweils gleich drei Korrespondenten vor Ort in London mit der wichtigen Mission …
Wenn dies alles wirklich ein Märchen wäre über Königinnen mit seltsamen Hüten und ihre pausbäckigen oder pferdegesichtigen Söhne und Enkel, dann würde jetzt eine Hexe auftreten und vergiftete Äpfel reichen, oder so. Tatsächlich hat Adels-Experte Rolf Seelmann-Eggebert wieder einen großen Tag, er greift zum Mikrofon und salbt den Tag, an dem Willie und Kate sich das Ja-Wort geben. Seine Partner in der ARD werden über Hüte und Garderoben bleibende Sätze absondern. ZDF, RTL und Sat.1 werden die gleichen Bilder zeigen, ebenso die Live-Streams im Internet, denn alle Kameras werden von den Jungs der BBC bedient. Die Bilder sind preiswert zu haben und werden dennoch Quoten garantieren, wie sie sonst nur bei großen Sportereignissen üblich sind.
So hoffen die Macher, und können sich auf Traditionen berufen: Bei der Grablegung von Lady Di war es nicht anders, und die Krönung von Queen Elizabeth II. am 2. Juni 1953 war die erste Live-Übertragung überhaupt im damals einzigen Deutschen Fernsehen.
Mag sein, dass vielen Landsleuten der Sinn nach Märchenhochzeiten steht – um die kümmern sich RTL, Sat.1 und Pro 7 ebenso fleißig wie die Glamour- und Krawalljournaille von „Bunte“ und „Bild“. Die öffentlich-rechtlichen Sender jedoch leben von den Gebühren aller Zuschauer. Die hätten vielleicht gerne mehr erfahren über Aktuelles und Hintergründiges aus der Welt oder aus den Provinzen, denen der Langweiler vorsteht.
Eine richtige Chance für ernst gemeinten Fernseh-Journalismus wäre es auch gewesen, den Auftrieb um die hochadeligen Rituale mal zu hinterfragen. Mal den einen oder anderen seltsamen Hut zu lüften und nach der Substanz darunter zu forschen. Mal einen Blick hinter die Kulissen des Theaterbetriebs namens Royalty zu werfen. Mal ein paar kluge Leute öffentlich darüber plaudern zu lassen, wieso 222 Jahre nach dem Sturm auf die Bastille dieser Mummenschanz überhaupt interessiert.
Wir werden in Kürze erfahren, wie das Quotenrennen ausgegangen ist. Das gleiche statische Bildmaterial, das gleiche hohle Geschwätz und Geschwalle über ein Hochzeitspaar, illustre Gäste, schicke Klamotten und seltsame Damenhüte wird entweder den privaten oder den öffentlich-rechtlichen Sendern die meisten Zuschauer beschert haben. Deutlicher ist das märchenhaft-irrationale der Quotenhatz nicht zu belegen.

Das Youtube-Video zum Thema

Totalausfall: Das Öffentlich-Rechtliche Fernsehen und die Revolution in der arabischen Welt

1. Februar 2011

Es ist Dienstag, der 1. Januar 22:00 Uhr – Millionen von Menschen in den Straßen der ägyptischen Städte. Friedlich fordern sie den Rücktritt des Diktators Mubarat. Am Abend spricht sich die Situation zu – das Staatsfernsehen hat eine Rede des Präsidenten angekündigt. Die Massen erwarten erregt die Rücktrittserklärung. Doch weit gefehlt – Mubarak bleibt. Er will den friedlichen Übergang organisieren. Er beleidigt die Bürger auf den Straßen: Der Protest sei durch politische Kräfte gesteuert. In diesen Minuten ist noch nicht klar, wie sich die Dinge entwickeln. Erste Berichte von Zusammenstößen zwischen Gruppen von Demonstranten, Schüsse sind zu hören …
Dramatische Situationen, die Folgen unabsehbar, Wendepunkte der Weltgeschichte vielleicht – CNN, BBC, Al Jazeera, France 24, die Nachrichtenkanäle der Welt sind live dabei. Sensationelle Bilder, eindrucksvolle Livegespräche, Analysen, Einbeziehung der Sozialen Medien. Al Jazeera steckt diesmal alle in die Tasche, auch CNN – selbst die Verhaftung ihrer Mitarbeiter und die Schließung des Büros kann die Berichterstattung nicht stoppen.
Und der deutsche TV-Konsument? Wer keine Satellitenanlage hat und nicht gut Englisch versteht, muss auf die planmäßigen Nachrichtenzeiten warten. Von den Privatsendern ist nicht viel zu erwarten, aber ARD, ZDF, setzen ungerührt ihr Programm fort. N24 berichtet über den 9.11.22001 in New York, n-tv beschäftigt sich mit amerikanischen Skinheads, Phoenix ist gerade auf einer Segeltour durch die Südsee.Beim ZDF ist zufällig gerade Nachrichtenzeit – und das fällt das peinlich genug aus. Interview wird der Korrepsondet auf dem Hoteldach. Dietmar Ottenberg fabuliert über seine Einschätzungen und Erwartungen. Ein Filmbericht mit ein paar beliebigen Demo-Bildern von Tage wird analysierend totgeschwätzt. Einziger Lichtblick: ein Interview mit Hamed Abdel-Samad, in Agypten geboren, bekannt geworden mit seinem Buch „Der Untergang der islamischen Welt“. So stellt er sich die Stimmung in Berlin im Herbst 1989 vor, sagt er – und das Misstrauen der westlichen Welt beleidige das ägyptische Volk.
Und dann die größte Peinlichkeit: Ansprache Mubaraks – kein Originalbild, kein Originalton. Nur das Resmümee – er tritt nicht zurück, will nur nicht mehr zur Wahl antreten. Wieder Schalte nach Kairo: der Korrespondent immer noch auf dem Dach. „Sie konnte ja in diesen wenigen Minuten nicht hinuntergehen und ein Million Ägypter interviewen, aber ….“ Brav verkündet Ottenberg, was er zur Wirkung der Rede sagen kann: Nichts! Man wird es in den nächsten Tagen erleben!
„Können wir jetzt noch ein paar deutsche Ägyptenurlauber interviewt bekommen“, so Minuten später ein süffisanter Kommentar auf Twitter. Die meisten drücken sich unverblühmter aus: „Die öffentlich-rechtlichen TV-Sender schaffen sich ab!“
Der Ärger hatte sich über Tage aufgestaut. Und die Anhängerschaft von Al Jazeera wuchs. Während Lena in der ARD stundenlang ihre Songs trällern durfte [Korrektur: sorry, hier lag ich im Eifer des Gefechts daneben, es war nicht in der ARD], rissen sich die deutschen Medien kein Bein dafür aus, angemessen über die Geschehnisse im Nahen Osten zu informieren. Kein Zweifel, das hat Gründe, und die sind politischer Art. Seit 30 Jahren hatten die USA, die EU und auch Deutschland auf die Diktatoren in den arabischen Welt gesetzt. Motto: Was interessieren uns unsere Grundwerte und die Unterdrückung in diesen Ländern, wenn es um den gesicherten Ölnachschub und die Eindämmung des politischen Islams geht?
Deutsche Journalisten, das macht den Unterschied zu CNN, machen sich seit jeher gerne die Sorgen der Politiker und Wirtschaftsbosse zu eigen. Und so hat die Berichterstattung hierzulande nur am Rande die Aufbruchstimmung der Tunesier und Ägypter gezeigt, aber in Bedenken und Warnungen vor den schrecklichen Folgen eines Umsturzes nur so geschwelgt. Ziemlich dick wurden die Gefahren einer Machtergreifung der Islamisten an die Wand gemalt. In Deutschland fällt das nun einmal angesichts der wachsenden Islamophobie auf besonders fruchtbaren Boden.
Damit soll gar nicht gesagt sein, dass die Sorgen unbegründet sein müssen und die Entwicklung nicht aucch Gefahren mit sich bringen kann. Für Demokraten aber sollte an allererster Stelle stehen, dass hier Völker mit Recht und guten Gründen um ihre Freiheit kämpfen – und das ist ohne Rücksicht auf die Folgen jeder Unterstützung wert.
So aber sind diese Tage zu einer Schande und Blamage für das Fernsehen geworden, vor allem für das öffentlich-rechtliche. Auch wenn sie keine Mehrheiten bilden: Die politisch interessierten Menschen fragen sich hierzulande ab sofort, wofür sie ihre Gebühren zahlen. Steht nicht Grundversorgung in Sachen Information ganz dick im Pflichtenheft von ARD und ZDF? Warum gibt es in der europäischen Vormacht Deutschland keinen echten, leistungsfähigen Nachrichtenkanal?
Ich habe nichts gegen stundenlange Live-Übertragungen von Wintersportveranstaltungen, seltsames Seriengeschehen und Talkshow-Geschwätz bis zum Abwinken. Aber wenn es politisch drauf ankommt, soll das öffentlich-rechtliche Fernsehen dabei sein – mit aller Kraft, mit richtig viel Aufwand und mit demokratischem Engagement. In diesen Tagen wäre es darauf angekommen. (mb)


Forum Lokaljournalismus 2011: Ratlosigkeit auf dem Höhepunkt

30. Januar 2011

Wohin geht die Reise für die lokalen Printmedien? Alljährlich um diese Zeit machen sich die Blattmacher auf einer großen Tagung Gedanken über die eigene Zukunft. 2011 ist die Entwicklungsrichtung unklarer denn je. Sven Gösmann, Chefredakteur der Rheinische Post, sprach manchem aus der Seele: Er habe genug von Zeitungskongressen, in denen es hauptsächlich um Facebook und Twitter gehe.

[28. Januar] 2010 war die Kunde von der Präsentation des iPad mitten in diese vom Projektteam Lokaljournalismus organisierte Tagung eingeschlagen. Jetzt in Waiblingen, nur ein Jahr später, war die Zuversicht schon wieder begraben. Da gab es keine große Diskussion mehr: Zahlende Online-Kunden zählen bei den meisten Zeitungen gerade mal nach Hunderten – weniger zumeist, als die Printauflagen verlieren. Die Apps in ihrer heutigen Form werden nicht die Lösung bringen für das Problem, mit Zeitungsinhalten im Netz Geld zu verdienen. Wenn es eine solche Lösung denn überhaupt gibt. Die Ratlosigkeit hat ihren Höhepunkt erreicht.

Man fühlt sich sich hin und hergerissen zwischen dem eigenen publizistischen Anspruch, der vom Veranstalter, der Bundeszentrale für politische Bildung, beschworenen Verantwortung für die Demokratie, und einem Vermarktungssdenken, wie es Bart Brouwers, Chefredakteur Lokaal Online, aus den Niederlanden propagierte: Bevor man hyperlokale Informationen im Netz anbietet, muss das Geschäftsmodell klar sein. Und da kennt er wenig Bedenken – auch Formate, die die Trennung von Werbung und Anzeige aufheben, bezahlte Texte, die für den Leser nicht als solche erkennbar sind, sollen Geld hereinbringen. Auch wenn sie in der Praxis täglich alle ihre Kompromisse machen mit den den ungeliebten Kollektiven, den reaktionen Zugaben für Anzeigenkunden und den PR-Anliegen der Pressemitteilungen – so weit möchte denn doch kaum einer gehen.

Wieder stärker um das Printprodukt kümmern”

Nach wie vor wird experimentiert. Da werden Redaktionsstrukturen auf den Kopf gestellt, arbeiten schrumpfende oder doch stagnierende Redaktionsteams immer mehr, um die die Online-Schiene zu bedienen, um Themen crossmedia umzusetzen, um Social Media auszuprobieren. Von Aufbruchstimmung aber ist nicht zu spüren, eher von von Resignation. So mehren sich die Appelle, sich wieder stärker um das Printprodukt kümmern. Man müsse sich wieder mehr um journalistisches Handwerk kümmern, sich auf bewährte Werte besinnen, Geschichten erzählen, auf den Lesernutzen achten. „Zehn Jahre wird unser Geschäftsmodell schon noch tragen”, ein bezeichnender Satz. Den meisten der versammelten Chefredakteure und Funktionsträger der Lokalzeitungen reicht das. Deutsche Zeitungsredaktionen sind überaltert, Grauköpfe haben das Sagen in den Chefetagen.

Nicht dass der Wille zur Innovation generell fehlte. Wer etwa Hans-Jörg Zürn, Verlagsleiter und Chefredakteur der Sindelfinger/Böblinger Zeitung, über die mehr als Tausende Facebookfans des Blattes und ihren Nutzen schwärmen hört, vergisst seine grauen Haare. Bezogen auf die Reichweite hat kein anderes deutschen Printmedium mehr Erfolg, locker hat man Spiegel und Bild abgehängt. Die Fans sind großenteils jung und keine Abonnenten. Ganz nebenbei bedient die 12-Mann-Redaktion den Online-Aufritt und die Sozialen Medien – eine Online-Redaktion gibt es nicht. 100.000 Euro glaubt Zürn im laufenden Jahr im Netz zusätzlich erlösen zu können. Ob solche Aktivitäten die Auflage sichern helfen – man weiß es nicht.

So ist das auch beispielsweise bei der in Koblenz ansässigen Rhein-Zeitung, die inzwischen crossmedial so gut unterwegs ist, dass ihre aktuellen Videoberichts den SWR manchmal alt aussehen lassen. Die Redaktion und die beiden Chefredakteure twittern und posten auf Facebook, was das Zeug hält, und was in der Social-Media-Welt regional von Interesse ist, findet sich auch im Blatt wieder. Der Ruf der Rhein-Zeitung als Experimentallabor des deutschen Lokaljournalismus ist hervorragend, wie sich die Abonnentenzahlen entwickeln, wird man sehen müssen.

In den Redaktionen gibt es durchaus Bereitschaft, neue Wege auszuprobieren. Für ein systematisches Innovationmanagent allerdings, wie es Gäste aus der Wissenschaft einforderten, fehlen Geld, Energie und oft auch Einsicht. Junge Journalisten, die wirklich im Netz leben – die traf man in Waiblingen kaum. Die neue Konkurrenz aus dem Netz erst recht nicht, die langsam auch in der Region und im Lokalen Segment für Segment aus dem Markt der örtlichen Zeitungen herausschneidet. Da lässt man sich lieber per Powerpoint präsentieren, wie sich die lokalen Märkte in USA und Großbritannien entwickeln, und schaudert bei dem Gedanken, dass AOL oder sonst jemand auch in jede größere Stadt einen Redakteur installieren könnte, der zum lokalen Geschehen bloggt.

Kein Monopolgeschäft mehr

Der schmerzliche Einsicht: Das traditionelle Kerngeschäft lokaler und regionaler Nachrichten ist eben kein Monopolgeschäft mehr, es trägt alleine, journalistische Qualität hin oder her, auf Dauer nicht mehr. Die Konsequenz liegt in der von der Beraterin Katja Riefler vorgetragenen Forderung, in der Weiterentwicklung der Apps das einheitliche Produkt „Zeitung” zielgruppendifferenziert aufzufächern. Die Verlagsberaterin von RiSolutions warnte ausdrücklich davor, komplette Zeitungsinhalte als App verkaufen zu wollen. Gute und damit erfolgreiche Anwendungen für Handy und Tablet PC müssten einfach und zielgruppenorientiert sein. “Eine junge Mutter erreiche ich mit anderen Inhalten als einen Geschäftsmann.” Und es sei sinnvoll, sich aktiv in bestehende Angebote einzuklinken, die regionale Informationen bündeln, über Facebook und Twitter mit denen eigenen Kunden zu kommunizieren.

Die Genzen des Mediums hinter sich lassen, diese Konsequenz mögen wohl die meisten nicht ziehen. Die kurzzeitige Begeisterung der Zeitungsmacher über die Apps, so schreib es Lorenz Lorenz-Mayer von der Fachhochschule Darmstadt den Zeitungsmachern ins Stammbuch, sei nichts als die Freude darüber gewesen, damit innerhalb der Grenzen des vertrauten Produkts verbleiben zu können – mit einem konfektionierten Strauß an Inhalten, mit festen Redaktionsschlusszeiten und allem, was dazu gehört. Genau das aber findet in der neuen Medienwelt unserer Tage immer weniger zahlende Kundschaft. Das begriff der eine oder andere vielleicht zum ersten Mal beim Vortrag des Psychologen Jens Lönnecker von Medienforschungsinstitut Rheingold. Die Menschen haben sich verändert. Die schematisierten Tagesabläufe und berechenbaren Verhaltensweisen früherer Jahrzehnte, in denen die lokale Zeitung ihren Stellenwert hatte, gibt es nicht mehr.

Die Menschen gestalten ihr Leben viel freier, sie nutzen Gestaltungsfreiräume in vielfältiger Weise. Ein wesentliches Merkmal dieser Situation, so Lönnecker, sei eine permanente Selbstüberforderung. In ihrem Tagesablauf nehmen sich viele Menschen weit mehr vor, als sie bewältigen können. Die Zeitung passt nicht mehr so recht in in diese Tagesplanungen. Zu viel anderes fordert Aufmerksamkeit, kabbert am Zeitbudget. Wer Information braucht, holt sich sich heute sehr viel gezielter von einschlägigen Newsaggregatoren. Und was den Lokalzeitungsmachern besonders zu denken geben muss: Was ist für heutige Menschen noch Heimat? Zu junge zumal, die mobil sind und in Facebook zuhause, die „Freunde” auf der ganzen Welt haben? Für sie ist der lokale Raum nicht mehr gar so wichtig, muss der Heimatbegriff anders gefasst werden. Doch was heißt das praktisch?

Grenzen des Mediums hinter sich lassen

Es verlangt zum einen, dass die Journalisten sich im direkten Gespräch, im Dialog mit ihren Leser für die Themen öffnen, die diesen gerade unter den Nägeln brennen – ob diese im Verbreitungsgebiet spielen oder nicht. Und je mehr Nachrichten alle Medienkanäle fluten, desto wichtiger wird eine Instanz, die in der Lage ist, Hintergründe zu erklären, Zusammenhänge aufzuzeigen, auch begründet Positionen zu beziehen. Und das über alle verfügbaren Medienkanäle. Alles, was sich an Service und Dienstleistungen für den Leser mit diesem Anliegen verträgt und zur Finanzierung des journalistischen Anliegen beiträgt, ist gut. Alles was die journalistische Qualität und Glaubwürdigkeit des Medium untergräbt, ist kontraproduktiv, auch wenn es Geld in die Kasse bringt.

Denn zusätzlich zur Berichterstatterpflicht wächst dem Moderieren unterschiedlicher, oft widerstrebender Anliegen im Lokalen immer mehr Bedeutung zu. Oder wie es Thomas Krüger, der Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung formulierte: „Die Lokalpresse – das hat vor allem die Debatte um Stuttgart 21 verdeutlicht – muss wieder mehr am Puls der Bürger sein und Volkes Stimme lauschen, wenn sie ihre Rolle als Kompass und Navigator behaupten will. An Stuttgart 21 hat sich letztlich gezeigt, welche überregionale Dynamik ein lokales Geschehen entwickeln kann – und das begreife ich als großartige Perspektive für einen Lokaljournalismus, der bürgernah und interaktiv sein will. Wenn es gelingt, solche notwendigen Diskussionsprozesse noch stärker anzustoßen und soziale Bewegungen zur Zufriedenheit möglichst vieler Bürger zu moderieren, sind wir vielleicht schon auf dem goldrichtigen Weg.”

Ob diese Eingliederung an eine neue Dialogkultur lokale Tageszeitungen in größerem Umfang auf Dauer retten wird, wird sich zeigen müssen. Weitermachen wie bisher ganz sicher läuft auf darauf hinaus, sich auf jeden Fall überflüssig zu machen. (mb)

“Grundkurs Bürgerjournalismus”

10. Juni 2010

Die Fans innovativer Geschäftsmodelle im Internet jubeln, der Deutsche Journalistenverband gibt sich pflichtgemäß entsetzt: In dieser Woche ging mit Tvype eine neue Plattform an den Start, die Fotos und Videos von Hobby-Reportern, aber auch von Profis honorarpflichtig an die Medien bringen will – und die Medien bei Bedarf an passende Bürgerreporter. Die Nutzer können Profile anlegen, der Profi-Zugang bietet sogar Upload per FTP. Redaktionen müssen sich registrieren lassen, können sich sogar eine individuelle Eingabemaske ordern – nur so ist der Zugang möglich. Nachrichtenagenturen bleiben außen vor. Daniel Holle steigt mit seiner Plattform Tvype nicht ganz klein in der Geschäft mit den Bürgerreportern ein, das Medien wie BILD, Saarbrücker Zeitung oder Center.tv angefangen haben. 100.000 Euro aus Brüssel und ein Betrag X eines Privatinvestors, der unbekannt bleiben will, bilden eine sichere Basis für zwei Jahre. Entstehen soll ein professioneller und strukturierter Weg, auf dem Bürgerreporter ihr Material schnell in die Redaktionen bekommen. Zehn Mitarbeiter prüfen laut Holle jedes Angebot unter nachrichtlichen, ethischen und presserechtlichen Aspekten. Ob das reicht, um Qualität zu sichern, wird die Praxis zeigen. Jetzt muss sich Tvype nur noch bekannt machen – und hoffen, dass Menge und Qualität des Materials die Interessenten überzeugt.

Die Sorge des Deutschen Journalistenverbandes wegen Qualitätsverlust und Lohndumping ist sicher nicht unberechtigt. Aber diese Entwicklung ist bereits unter dem Druck der Ökonomie von den Verlagen eingeleitet und wird nur noch ein wenig beschleunigt. Mindestens ebenso bedenklich mag man es finden, dass die Gesellschaft unaufhaltsam noch in den letzten Winkel ausgeleuchtet und vieles in Bild gesetzt wird, was besser im Privaten bliebe. Aber solche Überlegungen sind müßig. Die Ausbreitung des Bürgerreporters ist ein weiteres Indiz dafür, dass die Dämme brechen und der professionelle Medienjournalismus unaufhaltsam an Terrain verliert.

Anstatt zu jammern, sollten wir uns darauf konzentrieren welche positiven Möglichkeiten die Entwicklung in sich birgt. Es kann bei allen Problemen nicht nur fatal sein, wenn die Beteiligung am gesellschaftlichen Diskurs entmonopolisiert und in allen ihren Formen auf eine breitere Basis gestellt wird. Diese Entwicklung wird auch nicht auf die Bildberichterstattung beschränkt bleiben, auch wenn der Zugang dort leichter ist. Immer mehr Menschen werden auch das Schreiben und das Gestalten von TV- und Audiobeiträgen für sich entdecken. Sicherlich wird es im Netz immer mehr journalistische gestaltete Medien geben, in denen Menschen ohne journalistische Ausbildung agieren. Journalist wird sein, und das knüpft an eine alten Tradition an, wer als Journalist tätig wird – ob für viel, wenig oder gar kein Geld, spielt keine Rolle.

Warum sollte es nicht ganz abseits von Geschäftsmodellen eine interessante gesellschaftliche Aufgabe sein, die „Bürgerjournalisten“ unter die Fittiche zu nehmen. Ihnen die Grundbegriffe von journalistischem Handwerk und journalistischer Ethik beizubringen. Vom DJV als STandesvertretung wird man das nicht verlangen können. Aber die Volkshochschulen beispielsweise könnten hier stärker aktiv werden. Die Bundeszentrale für politische Bildung, die seit Jahrzehnten verdienstvoll die journalistische Kompetenz der Lokaljournalisten fördert, könnte vielleicht hier ein sinnvolles und zukunftsträchtiges Betätigungsfeld finden. Vielleicht sollte überhaupt Medienkunde in diesem Sinne im Bildungssystem einen ganz anderen Sinn bekommen – als “Grundkurs Bürgerjournalismus“. (bl)